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Home > Hilfe weltweitÜbersicht aller ProjekteSyrien / IrakGrenzenlose NotInterview: Ein Neuanfang für Flüchtlinge im Irak
Unsere Mitarbeiterinnen Vera-Magdalena Voss (4.v.l.) und Caroline Hüglin (l.) haben verschiedene Hilfsprojekte im Irak besucht. Hier treffen sie gemeinsam mit einem Mitarbeiter der Partnerorganisation REACH jesidische Flüchtlingsfrauen im Vertriebenen-Camp Baadre. Foto: Christoph Püschner
Syrische Flüchtlingskinder vor dem fertiggestellten Gemeindezentrum Bazyan. Mit Sport- und Kunstkursen werden die Flüchtlingskinder tagsüber von ehrenamtlichen Kindergärtnerinnen betreut.  Foto: Christoph Püschner
Im Gemeindezentrum werden auch Weiterbildungskurse für Jugendliche und Erwachsene angeboten. Diese jesidischen Flüchtlinge erhalten Englischunterricht.  Foto: Christoph Püschner
Diakonie Katastrophenhilfe und REACH statten Vertriebene mit Arbeitsmaterialien aus: Schneiderin Mariam Hassan (l.) bekam zwei professionelle Nähmaschinen. So konnte sie sich eine erfolgreiche Änderungsschneiderei aufbauen. Foto: Christoph Püschner
Vera-Magdalena Voss, Caroline Hüglin und andere begutachten fertiggestellte Gewächshäuser im Nordirak. Hier können sich Binnenflüchtlinge eigene Lebensmittel anbauen.  Foto: Christoph Püschner
Nothilfemaßnahme: Diakonie Katastrophenhilfe und REACH verteilen "Food Voucher" an Binnenflüchtlinge, die in lokalen Lebensmittelmärkten eingelöst werden können.  Foto: Christoph Püschner
Interview

Ein Neuanfang für Flüchtlinge im Irak

Vera-Magdalena Voss, Projektverantwortliche für den Nahen Osten, hat für die Diakonie Katastrophenhilfe verschiedene Hilfsprojekte im Irak besucht. Im Interview berichtet sie von Kindern, die endlich wieder lachen können und einer Frau, die sich aus dem Nichts dank Unterstützung der Diakonie Katastrophenhilfe eine Konditorei aufbauen konnte.

Der Irak ist von Krieg und Gewalt gezeichnet. Wie haben Sie die Menschen erlebt?

Das war ganz unterschiedlich. Man muss unterscheiden, woher die Menschen kommen. Jede Familie hat ihr eigenes Schicksal. Ich habe eine Familie getroffen, deren zwei Töchter verschleppt worden sind. Teile der Familie sind noch immer verschollen. Sie fühlen sich nach wie vor bedroht und sind schwer traumatisiert. Andere Familien, die ich kennen lernen konnte, mussten Hals über Kopf aus Mossul fliehen. Sie mussten zwar alles zurück lassen, haben aber nicht selbst den Krieg erlebt.

Das ist anders bei vielen syrischen Familien, die oft direkt Kriegsgeschehen miterleben mussten und Verwandte verloren haben.

Wie gehen die Menschen, die Sie getroffen haben, mit der Situation um?

Mir ist aufgefallen, dass Iraker, die zwar ihre Heimatstadt, aber nicht ihr Land verlassen mussten, teilweise besser mit der Situation klarkommen als syrische Flüchtlinge. Binnenvertiebene sind zwar auch geflohen, aber leben nach wie vor in ihrem Land und genießen andere Rechte.

Und syrischen Flüchtlingen, die fast ausnahmslos Kurden sind, hilft meiner Beobachtung nach die gemeinsame Identität mit den Menschen im Nordirak. Sie versuchen ihre Traditionen aufrecht zu erhalten und an alte Bräuche anzuknüpfen. Sie tragen ihre Trachten und Hemden, singen kurdische Lieder. So etwas verbindet und hilft.

Wie offen waren die Menschen miteinander?

Viele kurdische Familien bieten geflohenen Familien Obdach – zum Beispiel in leerstehenden Gebäuden. Grund und Boden werden häufig geteilt, auch zwischen arabischen und kurdischen Familien. Das ist – wenn man sich die Geschichte des Irak anschaut – nicht selbstverständlich.

Was mich auch überrascht hat, ist, dass sich die Leute gerne mitteilen wollen. Sie sprechen nicht im Detail, über das Grauen, welches sie vielleicht erdulden mussten, aber ich habe erlebt, dass sie sich sehr freuen, wenn sich jemand für sie interessiert. Ich habe viele getroffen, die ihre Familiengeschichte erzählen und berichten, woher sie kommen und was sie bewegt. Einige sprechen über ihre innere Zerrissenheit: Auf der einen Seite überwiegt zunächst die Erleichterung, im Nordirak endlich in Sicherheit zu sein. Aber auf der anderen Seite wird den Familien auch klar, dass sie nun komplett von Hilfe abhängig sind und große Herausforderungen vor ihnen liegen.

Vor vielen Geflüchteten liegt eine ungewisse Zukunft. Was sind die größten Sorgen der Leute, mit denen Sie gesprochen haben?

Vor allem sorgen sie sich um die Zukunft ihrer Kinder. Sie wissen nicht, ob ihre Kinder weiter Schulen besuchen können. Und wenn das gewährleistet ist, bleiben oft weitere, ganz konkrete Nöte, die für uns vielleicht banal klingen, aber für die geflohenen Familien ein Problem sein können: Wo bekomme ich Stifte und Papier für den Unterricht her? Wir kann man den Transport zur Schule regeln?

Ein großes Problem ist oft die Finanzierung der Ausbildung. Viele Kinder müssen arbeiten, um zum Unterhalt der Familien beizutragen. Die Angst vor der ungewissen Situation belastet viele. Sie fragen sich: Welche Zukunftsperspektiven haben meine Kinder?

Wie geht es den Kindern, die Sie getroffen haben?

Meine Erfahrung ist, dass nicht nur entscheidend ist, was die Kinder erlebt haben, sondern auch wie die Eltern mit der Situation umgehen. Wenn die Eltern stark verängstigt und traumatisiert sind, hat das auch Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder. Sind die Eltern gefasst und strahlen Ruhe aus, sind meist auch die Kinder ruhiger. Der Familienzusammenhalt ist wichtig.

Und natürlich braucht es Zeit, eine Flucht und Eindrücke vom Krieg zu verarbeiten. Wie das funktioniert, sieht man sehr gut im Projekt zur psychosozialen Unterstützung. Hier werden zum Beispiel Kunstkurse für Kinder angeboten. Malen bietet die Möglichkeit, etwas auszudrücken, für das man keine Worte findet. Viele können nicht über ihre Erlebnisse sprechen – aber malen. Am Anfang sind die Bilder schwarz und rot von Blut. Nach Wochen und Monaten werden die Bilder bunter und fröhlicher. Die Kinder fangen wieder an zu lachen.

Die Kinder in dem Projekt der Diakonie Katastrophenhilfe malen und lernen so ihre Ängste zu verarbeiten.  Foto: Christoph Püschner

Was für Projekte unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe noch?

Außer den Malkursen bieten wir weitere psychosoziale Hilfe an. Die Geflohenen sollen einen Rückzugraum bekommen. Gerade für viele Frauen und Kinder sind unsere Angebote oft die einzigen Möglichkeiten, mal ein bisschen raus zu kommen, über andere Dinge zu reden, sich auszutauschen. Sie können beispielsweise an Theaterprojekten teilnehmen oder an Sportangeboten. Außerdem bieten wir Sprachkurse an. Englisch ist sehr beliebt, aber es gibt auch Kurse für die Dialekte der Region. PC-Kurse und Weiterbildungsmöglichkeiten sind ebenfalls sehr gefragt.

Zudem haben wir auch ein spezielles Projekt: Wir bieten verschiedene Ausbildungen an und stellen auch das erste Starter-Kit für die Ausübung des Berufs. Konkret heißt das, die Absolventen bekommen die Arbeitsmaterialien gestellt, die sie benötigen, um arbeiten zu können. 

Haben Sie ein Beispiel?

Ja, es gibt viele schöne Erfolgsgeschichten. Zum Beispiel von einer sehr engagiert Frau – Rawa Khadi Abdullah. Der Familie ihres Mannes gehörte in Mossul eine Süßwarenfabrik. Im Juni 2014 mussten sie aus Mossul fliehen. Bei uns hat die 28-Jährige eine Ausbildung zur Konditorin absolviert und bekam einen Backofen gestellt. Sie hat Werbung für ihre Backwaren gemacht, aktiv Leute angesprochen und sich jetzt mit einem kleinen Betrieb selbständig gemacht. Die Geschäfte laufen gut. Die Familie konnte aus einer Baracke in ein kleines Häuschen umziehen.

Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert.

Wahrhaftig. Auch auf dem Land haben wir ein Projekt zu einkommensschaffenden Maßnahmen. In verschieden Dörfern unterstützen wir zum Beispiel den Bau von Gewächshäusern. Das Gemüse, das darin angebaut wird, wird dann geteilt: Die eine Hälfte geht an die Familie, die den Acker zur Verfügung stellt, die andere an eine geflüchtete Familie. So profierten beide Seiten von dem Projekt, Agrarland urbar zu machen. Oft stellen wir fest: Die Leute brauchen gar nicht viel, um wieder auf eigenen Beinen stehen zu können.

Reichen die Angebote aus?

Die Nachfrage ist groß. Wir brauchen beispielsweise in unseren Gemeindezentren dringend mehr Platz. Manche Aktionen müssen wir in Zelte auslagern. Die Teilnehmer unser Angebote schätzen die Perspektiven, die wir ihnen schenken. Sie bekommen so die Chance, ein bisschen Normalität zu erleben.

Wichtig ist, dass unsere Angebote alle ansprechen, unabhängig von Religion und Ethnie. Jeder ist willkommen in unseren Begegnungszentren.

Wo genau im Irak sind Sie unterwegs gewesen?

Zuerst waren wir in Suleimaniyah. Ganz in der Nähe, in Bazyan und Bainjan, haben wir die beiden Gemeindezentren besichtigt. Dann sind wir weitergefahren nach Halabdja an der Grenze zum Iran und weiter nach Erbil und Dohuk, wo viele jesidische Familien leben.

Warum ist es wichtig, genau dort die Menschen zu unterstützen?

Im Irak allein sind zehn Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Krise dort hat ein riesiges Ausmaß angenommen. Innerhalb der Landesgrenzen des Iraks sind über 3,2 Millionen Menschen intern vertrieben worden. Allein die autonome Region Kurdistan – mit ihren drei Provinzen Dohuk, Erbil und Sulaimaniyya, in denen ich jetzt unterwegs war – nahm fast eine Million Vertriebene auf.

Aber die Lage in der ganzen Region ist angespannt: Auch aus Syrien haben seit Beginn des Krieges im Jahr 2011 etwa 250.000 Menschen Schutz im Irak gesucht.

Wir merken, dass die Spannungen zwischen den aufnehmenden Gemeinden und Flüchtlingen bzw. intern Vertriebenen zunehmen. Es gibt nur wenige Arbeitsplätze, soziale Einrichtungen sind überlastet und die Grundversorgung reicht nicht für alle. Außerdem hat der Nordirak mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen, die dem Ölpreisverfall und Streitereien mit der Zentralregierung in Bagdad geschuldet ist. Viele Beamte haben seit Monaten keine Gehälter mehr ausgezahlt bekommen.

Eine Rückkehr der Flüchtlinge ist nicht in Sicht. Die humanitäre Lage verschlechtert sich täglich und etwa 8,6 Millionen Menschen sind auf grundlegende, lebenssichernde Hilfe angewiesen. Die Situation zeigt, wie notwendig unsere Projekte sind.

Ist die Diakonie Katastrophenhilfe auch in der aktuten Nothilfe aktiv?

Ja, wir unterstützen Bedürftige mit Lebensmittel- und Hygienegutscheinen. Mit diesen können die Menschen selbstbestimmt das einkaufen, was sie zum Leben brauchen. Außerdem beobachten wir die Entwicklungen im Irak ganz genau, so dass wir bei Bedarf – wie gerade aktuell bei der Großoffensive der irakischen Armee auf die vom IS kontrollierte Stadt Mossul – vorbereitet sind und rechtzeitig Hilfe leisten können, wenn es zu weiteren Vertreibungen kommt.

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Nahrungsmittelpakete für zwei Familien können wir für 40 Euro bereitstellen.

Haushaltspakete für zwei Flüchtlingsfamilien kosten 56 Euro. Sie enthalten Kissen und Decken, aber auch Geschirr und Besteck.

Für 148 Euro können wir vier Familien mit Hygienepaketen versorgen. Enthalten sind wichtige Hygieneartikeln wie Seife, Waschpulver, Zahnpasta und Zahnbürsten.

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Seit 1993 bescheinigt uns das DZI-Gütesiegel jedes Jahr erneut den verantwortungsvollen und satzungsgemäßen Umgang mit Spendengeldern und angemessene Verwaltungsausgaben.

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Elisabeth Grün hilft Ihnen gerne weiter:
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Die Diakonie Katastrophenhilfe...

...leistet seit 60 Jahren weltweit dort Hilfe, wo die Not am größten ist. Sie unterstützt Menschen, die Opfer von Naturkatastrophen, Krieg und Vertreibung geworden sind und diese Notlage nicht aus eigener Kraft bewältigen können. Sie hilft unabhängig von Religion, Hautfarbe und Nationalität.

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