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Hadi: „Innerhalb von zwei Stunden haben wir alles verloren“

Hadi: "Innerhalb von zwei Stunden haben wir alles verloren"

Hadi Ali (50) sitzt auf dem nackten Betonboden eines Rohbaus. Vor einem Jahr ist er mit seiner Großfamilie über das Sindschar-Gebirge nach Erbil in den Nordirak geflohen. Tagelang harrten sie bei großer Hitze in den Bergen aus. Wie tausende Jesiden waren sie in Todesangst vor den Kämpfern des sogenannten Islamischen Staats (IS) geflohen, mussten mit ansehen, wie Angehörige, Freunde und Nachbarn starben. Hadi verlor einen Sohn, ein anderer ist in Gefangenschaft des IS, der Onkel seiner Frau Rasal wurde getötet, mehrere Frauen verschleppt.

"Innerhalb von zwei Stunden haben wir alles verloren", sagt Hadi verzweifelt. Als die Kämpfer des IS sich dem Dorf näherten, floh die Familie ohne etwas mitzunehmen. Vor der Flucht lebte Hadi gut von der Landwirtschaft, sie hatten Vieh und Land. Sein Vater Ali Khedir Aliyas (85 Jahre) betrieb Geschäfte im kleinen Ort Shingal. Jetzt arbeiten Hadi, sein Bruder Sulaiman (47 Jahre) und die älteren Söhne als Tagelöhner. Aber es gibt nicht genug Arbeit in Erbil. Rund 1,5 Millionen Iraker sind in die kurdische Region im Norden geflohen. Dort leben auch über 230.000 syrische Flüchtlinge. Arbeit und Wohnraum sind knapp, das Leben wird immer teurer.

"Wir haben keine Hoffnung auf eine Rückkehr", sagt Hadi. "Selbst wenn der IS aus unserem Dorf vertrieben ist, haben wir alles verloren und kein Vertrauen mehr." Wie viele Jesiden sind Hadi und seine Familie schwer traumatisiert durch die erlebte Gewalt und Vertreibung. Ein Jahr nach der Flucht lebt die Familie noch immer in prekären Verhältnissen. Sie fühlen sich sicher in Erbil, aber der Alltag ist hart und ihre Zukunft ungewiss.

Mit 35 Personen lebt die Familie jetzt im Erdgeschoss eines Rohbaus in Turaq, einem Außenbezirk der nordirakischen Stadt Erbil. Die Wände sind unverputzt, der Boden aus Beton.  "Im Sommer ist es zu heiß, im Winter zu kalt. Es ist zu wenig Platz und wir schlafen auf dem Fußboden", sagt Hadi resigniert. Die Miete von rund 400 Dollar erwirtschaften sie durch gelegentliche Arbeiten als Tagelöhner. Für Nahrungsmittel, Medikamente oder das Schulmaterial der Kinder bleibt kaum Geld übrig. Um die Grundbedürfnisse der Familie zu decken, sind sie auf Unterstützung angewiesen. Die kurdische Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe versorgt die Familie  monatlich mit Grundnahrungsmitteln. Im Winter verteilte sie Matratzen, Decken und Öfen, im Sommer Ventilatoren. Bewusst unterstützt sie gerade Vertriebene, die außerhalb der offiziellen Flüchtlingslager leben, da diese oft schlechter versorgt sind und von Hilfsmaßnahmen nicht erreicht werden.

Foto: Anne Dreyer

„Es ist nicht fair, dass mein Sohn nicht zur Schule gehen kann“

Widad: „Es ist nicht fair, dass mein Sohn nicht zur Schule gehen kann“

Widad (45 Jahre) kommt aus der syrischen Stadt Afrin bei Aleppo. Vor zwei Jahren ist sie mit ihrem Mann vor dem Bürgerkrieg aus Syrien geflohen. Die Lage spitzte sich zu. Niemand war sich sicher, wem noch zu trauen ist. Rebellen entführten im Libanon zwei ihrer Geschwister. Mit Tränen in den Augen berichtet sie, dass sie kein Lebenszeichen von ihnen hat.

Einer ihrer Brüder lebte schon in der nordirakischen Stadt Erbil und riet ihr, mit ihrer Familie zu fliehen. „Zunächst waren wir eine Nacht im Lager nahe Dohuk, dann flohen wir weiter Richtung Suleymaniah,“ berichtet Widad. Jetzt leben sie in Bazyan, einem Ort mit etwa 3000 Einwohnern. Ihr Mann hat Arbeit als Fahrer gefunden. Ihre Söhne, 14 und 20 Jahre alt, arbeiten auch – damit die Familie durchkommt. „Es ist nicht fair, dass mein Sohn nicht zur Schule gehen kann“, sagt Widad „Aber ohne seine Einnahmen vom Verkauf von Brot und Kaffee können wir nicht überleben.“

Widad weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Ausbildung ist: Sie stammt aus einer Familie mit zwölf Kindern. Sie hatte damals keine Zeit, lesen und schreiben zu lernen – und es wurde auch nicht als notwendig erachtet, dass sie das als Mädchen lernt. Jetzt hat sie im Gemeindezentrum, das die Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe für syrische Flüchtlinge und Vertriebene aufgebaut hat, einen Lese- und Schreibkurs besucht. „Jetzt kann ich mit meinen Verwandten zumindest per WhatsApp kommunizieren“, berichtet sie stolz.

Außerdem half ihr das Zentrum, Anschluss zu finden. Mit den anderen Frauen im Kurs hat sie sich gut verstanden. Sie treffen sich noch heute. „Manchmal weinen wir zusammen über das, was wir verloren haben. Aber gemeinsam gehen wir auch auf den Basar“, sagt Widad. Obwohl ihr Mann Faisal sehr liberal ist, ist es für Frauen nicht möglich, sich außerhalb des Hauses allein zu bewegen. „Deshalb war es so wichtig, dass das Gemeindezentrum uns mit einem Bus abgeholt hat“, erklärt Widad. So erfüllt das Zentrum verschiedene Aufgaben: Neben Lese- und Schreibkursen werden Sprach- und Nähkurse für Frauen angeboten. Wichtig ist aber auch, dass die Frauen aus ihrem „Gefangensein“ im Haus für einen Moment ausbrechen und neue  Kontakte knüpfen können.

Foto: Andrea Krogmann

"Als wir gekommen sind war es schwierig – jetzt können wir auch wieder lachen"

Asis: „Als wir gekommen sind war es schwierig – jetzt können wir auch wieder lachen“

 Der 16-jährige Asis lacht über das ganze Gesicht. Mit einer Gruppe Gleichaltriger übt er den indischen Gruß – Hände vor der Brust zusammengelegt, leicht den Kopf und Oberkörper verneigen. „Macht es mit viel Gefühl. Bei eurem Gegenüber soll ankommen, dass ihr ihn oder sie respektiert und offen seid“, betont Wasfi, der Lehrer der Gruppe. Willkommenskultur üben – so könnte man es nennen. Der Kurs richtet sich an junge Erwachsene, die mit ihren Familien aus Syrien oder innerhalb des Iraks geflohen sind. Er findet im Gemeindezentrum statt, das die Diakonie Katastrophenhilfe in der nordirakischen Stadt Baziyan betreibt.

Asis ist Ende 2013 aus der Region Anbar im Südwesten des Iraks in den kurdischen Nordosten des Landes geflohen. Vieles ist neu und anders, in den Schulen wird als erste Sprache Kurdisch gesprochen – er selbst hat früher in Arabisch gelernt. „Als wir gekommen sind, war es schwierig“, sagt Asis ernst. „Hier im Zentrum mit den anderen lache ich wieder. Und das nehme ich auch mit nach Hause.“ Mit den Eltern und der Schwester wiederholt er die Übungen, die er im Kurs lernt. Es geht darum, Respekt für andere zu entwickeln, Unterschiede – aber auch Gemeinsamkeiten – zu entdecken, neuen Mut zu gewinnen und Selbstbewusstsein aufzubauen. Die meisten Übungen sind spielerisch und sorgen für gute Stimmung in der Gruppe. Asis besucht außerdem zwei Mal in der Woche den Sportkurs.

„Am liebsten würde ich Sport-Star werden“, sagt er schüchtern. Für ihn ist das Zentrum ein zweites Zuhause geworden, in dem er sich mit anderen Jugendlichen austauschen kann und wo die Sorgen der Familie für einen Moment weit weg sind. Zwei seiner Brüder werden in Falludscha festgehalten – ob sie noch leben, weiß Asis nicht. Der Lehrer Wasfi legt väterlich den Arm um den Jungen. Die Mitarbeiter sind zumeist selbst geflohen, teilen also die Erfahrungen der Menschen. In einem psychologischen Training haben sie gelernt, auf welche Signale sie hören müssen und wie sie den Jugendlichen und Erwachsenen am besten beistehen können.

Foto: Michael Stürzenhofecker

„Am meisten vermisse ich meine Familie“

Maissa: „Am meisten vermisse ich meine Familie“

Wael (27) und Maissa (25) sind im Januar aus Daraa geflohen. Dort im Südwesten Syriens haben die Proteste vor über zwei Jahren begonnen. Wael hatte gerade sein Jurastudium beendet. Eine Arbeit in seinem Bereich zu finden ist in Syrien derzeit unmöglich. Stattdessen klopfte die syrische Armee bei ihm an, um ihn für den Militärdienst einzuziehen. Ohne viel zu überlegen, floh er mit seiner schwangeren Frau und seinem einjährigen Sohn in Richtung Jordanien.

Am Grenzübergang wurde die die Familie gemeinsam mit anderen Neuankömmlingen von jordanischen Grenzbeamten abgefangen und direkt ins Zaatari Flüchtlingscamp gebracht. Zu dem Zeitpunkt suchten mehrere 10.000 Flüchtlinge auf einmal Schutz im Camp. Der Winter setzte in der Wüste gerade erst ein.

Wael und Maissa kämpften gegen den Schlamm, der vom Regen in die Zelte gespült wurde, gegen die nächtliche Kälte und gegen das ständig wiederkehrende Fieber des einjährigen Mohammeds. Oft haben sie in dieser Zeit daran gedacht zurückzukehren. Konnte das Leben in Syrien noch schlimmer sein, als das Leben ohne Hab und Gut in der Wüste?

Sowohl Waels als auch Maissas Familie leben noch in Syrien. Alle zwei Tage telefonieren sie, wenn die Leitungen es zulassen. „Jeden Tag machen wir uns Sorgen, ob es unseren Eltern und Geschwistern gut geht, aber hier in die Wüste wollen wir sie nicht holen“, erklärt Maissa. Toiletten und Küche teilen sich die Familie mit 100 anderen Flüchtlingen. Maissa fehlen Windeln für ihren Sohn, sauberes Wasser zum Trinken und Waschen. Auf die Frage, was ihr am meisten fehle, antwortet sie ohne Zögern: „Die Familie“.

In wenigen Wochen bekommt Mohammed eine Schwester oder einen Bruder. Maissa konnte im Camp eine Vorsorgeuntersuchung machen lassen. Die Familie hofft, dann in einen Wohncontainer umzuziehen zu können. Andere Perspektiven zu entwickeln ist derzeit schwer für die Familie. Ihre Zukunft stellen sie sich in Syrien vor. Lieber heute als morgen würden sie zurückkehren.

Foto: Christoph Püschner

Kaffa: „Ohne nachzudenken, einfach weg.“

Kaffa, die zweite Frau von rechts, erzählt in Bruchstücken. Ihr Haus in Damaskus geriet wie der gesamte Stadtteil in einen Bombenhagel. Kaffa ist 52 Jahre alt. Mit ihren zwei Töchtern und den Enkelkindern verlässt die gemeinsame Wohnung. „Wir sind ohne nachzudenken, einfach losgegangen“.

Bevor sie auf jordanischer Seite ankommen, müssen sie sechs Armee-Checkpoints überqueren. Jedes Mal haben sie Angst, nicht mehr weiterzukommen. Und Angst um die Kinder. Das Bild entstand als die Frauen gerade drei Stunden im Zaatari Camp sind. Sie sitzen das erste Mal in ihrem neuen Zelt. Im Gespräch wird klar, wie schwer es zu begreifen ist, dass das jetzt das neue zuhause sein soll. Aus Angst davor, dass die Bilder in die Hände des syrischen Geheimdienstes kommen, legen die Frauen für das Foto ihre Schleier an.

Foto: Christoph Püschner

"Alles weg, dann sind auch wir gegangen"

Rhada: „Alles weg, dann sind auch wir gegangen“

Rhada ist mit ihrem Mann aus Daara geflohen. Schon vor langer Zeit wurde ihr Haus zerstört. Als auch noch das kleine Ladengeschäft ihres Mannes zerbombt wurde, haben sie Daara verlassen. Das war im Januar. Seitdem leben sie im Zelt.

Eines von mehreren Zehntausend Zelten. Rhada kümmert sich um die Nachbarskinder. So vergeht die Zeit. Sieben eigene Söhne hat Rhada. Fünf von ihnen leben im Camp, einer ist nach Beirut geflohen, ein anderer kämpft in Syrien. Ob sie zurückwolle nach Syrien? „Wozu zurück? - Es ist alles kaputt, aber irgendwann schon. Inschallah – so Gott es will. “

Foto: Christoph Püschner

"Wir hatten ein ganz normales Leben"

Mohammad und Rhadir: „Wir hatten ein ganz normales Leben“

Mohammad und Rhadir haben fünf Kinder. 12, zehn, acht, sechs und vier Jahre alt. Die Kinder sind nie allein. Immer kommen die Nachbarskinder zum Spielen vorbei. Die Familie ist Anfang des Jahres aus Daara geflohen. Zwei Monate haben sie in einem der Zelte gefroren. Nun leben sie in einem Wohncontainer.

Viel mehr Platz haben sie dort nicht. „ Aber es ist wärmer und viel sauberer“, so Rhadir. Sie teilen sich mit 13 Familien eine Gemeinschaftsküche. Das ist ein guter Schnitt. Die Familie ist vergleichsweise privilegiert.

In Syrien war Mohammad LKW-Fahrer. „Wir hatten ein ganz normales Leben“. Die älteren Kinder können im Camp zur Schule gehen. Irgendwann sollen sie wieder ganz normal leben.

Foto: Christoph Püschner

„Wie hoch unsere Schulden sind? Ich weiß es nicht mehr!“

Israh: „Wie hoch unsere Schulden sind? Ich weiß es nicht mehr!“

Vor über einem Jahr ist Israh mit ihren vier Kindern aus Hama über Damaskus geflohen. Ihr Haus stand nah an einem Gebäude des syrischen Geheimdiensts und wurde bombardiert. Jetzt leben sie in einem Vorort von Amman. Israhs Mann ist Tischler. In Jordanien arbeitet er als Hilfsarbeiter und verdient 200 jordanische Dinar im Monat.

Etwa 50 Dinar braucht er, um zur Arbeit zu fahren. Die Wohnung allein kostet inklusive der Wasserrechnung 150 Dinar. Wovon sie denn etwas zu Essen kaufen könnten? „Ach, fragen Sie den Gemüsehändler um die Ecke, wie hoch unsere Schulden bei ihm sind. Ich weiß es schon nicht mehr“.

In den ersten drei Monaten konnten die Partner der Diakonie Katastrophenhilfe die Familie mit Nahrungsmittelgutscheinen unterstützen. Aus Angst vor Weitergabe der Daten hat sich die Familie bisher nicht als Flüchtlinge registrieren lassen. Jetzt will ist die Familie soweit, denn nur so erhalten sie Unterstützung von der UN. „Wir müssen das machen, wir können so nicht weiterleben.“

Foto: Christoph Püschner

„Seit über einem Jahr improvisieren wir“

Isam: „Seit über einem Jahr improvisieren wir“

Eine Autostunde von Beirut entfernt liegt hoch in den Bergen in der Beeka-Ebene eine Zeltstadt. Mehrere Tausend syrische Flüchtlinge leben hier in selbsterrichteten Zelten. So wie Isam mit seiner Familie. Wasser schöpfen sie aus Brunnen, einige Familien konnten sich Generatoren beschaffen, um wenigstens ab und an etwas Strom zu erzeugen, doch Benzin ist teuer, wie alles im Libanon. In der Nacht bleibt die Zeltstadt daher dunkel.

Isam ist mit seiner Frau und sieben Kindern vor 18 Monaten aus Syrien geflohen. „Es war sinnlos, wir konnten dort nicht weiterleben und ich wusste von Anfang an, es würde dauern.“ Er hat sich eingelebt und improvisiert von morgens bis abends. „Schaut, ich habe einen kleinen Graben für das Regenwasser gegraben, doch wenn es nicht in unser Zelt fließt, kommt es beim Nachbarn an.“

Die Zeltstadt ist geduldet. Offizielle Flüchtlingslager gibt es im Libanon jedoch keine und so fehlt es an einem Mindestmaß an Organisation. Für das Stück Land, auf dem sein Zelt steht zahlt er 600 Dollar im Jahr. Seine Frau arbeitet inzwischen als Putzkraft und verdient 100 Dollar im Monat. Damit hat die Familie wenigstens ein kleines Einkommen, doch es reicht hinten und vorne nicht. Nach längerem Durchfall leidet Issams jüngste Tochter an Unterernährung. Ein Arztbesuch kostet im Libanon mindestens 50 Dollar. Für die Behandlung der Tochter ist die Familie auf das Engagement von Hilfsorganisationen angewiesen.

Die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützt die Familien aus der Zeltstadt mit Nahrungsmitteln und verteilt Heizöfen, Decken und Kleidung, damit sie den bevorstehenden Winter überstehen können. Denn es wird kalt in der Bekaaebene zwischen den beiden Gebirgsketten, die dem Land seinen Namen gegeben haben.

Foto: Urte Lützen

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