Dr. Fadi Atrash ist Geschäftsführer des Augusta Victoria Hospitals (AVH) in Ostjerusalem, das Patient*innen aus Ostjerusalem, dem Westjordanland und dem Gazastreifen lebensrettende Krebsbehandlungen und Hämodialyse anbietet. Das AVH arbeitet mit dem anglikanischen Al Ahli Hospital in Gaza-Stadt zusammen, das im Krieg stark beschädigt wurde. Im Interview berichtet Dr. Atrash über die Gesundheitslage in Gaza und die dringend benötigte humanitäre medizinische Hilfe, um Menschenleben zu retten.
Dr. Atrash, wie steht es um die Gesundheit der Menschen in Gaza? Haben sie Zugang zur medizinischen Versorgung?
Die aktuelle Situation in Gaza ist sehr schlecht. Die Waffenruhe hat nicht das bewirkt, was wir eigentlich erwartet hatten. Ein großer Teil der Gebäude, Krankenhäuser und Einrichtungen für medizinische Grundversorgung wurde während des Krieges zerstört. Es gibt bis heute nicht genügend Infrastruktur und Gesundheitseinrichtungen, um die medizinische Versorgung der in Gaza lebenden Palästinenser*innen zu gewährleisten. Es fehlt an medizinischem Fachpersonal und genügend medizinischen Hilfsmitteln oder Medikamenten. Das begünstigt Krankheiten wie Hautinfektionen, weil es nicht genügend Behandlungsmöglichkeiten gibt. Besonders kritisch ist der weiterhin fehlende Treibstoff für Generatoren, um damit medizinische Geräte, Sauerstoffgeneratoren und Beatmungsgeräte auf den Intensivstationen überhaupt zu betreiben. Für die Menschen in Gaza gibt es schlichtweg nicht genügend Möglichkeiten, um behandelt zu werden. Menschen verlieren ihr Leben an Erkrankungen, die unter anderen Umständen relativ einfach zu behandeln wären.
Was ist mit Menschen, die außerhalb Gazas eine Behandlung dringend benötigen? Können Patient*innen das Augusta Victoria Hospital erreichen?
Seit Beginn des Krieges konnte niemand aus Gaza in das Augusta Victoria Hospital oder in irgendein anderes Krankenhaus in Ostjerusalem oder im Westjordanland gelangen. Patient*innen wurden stattdessen in andere Länder evakuiert, etwa Ägypten und Jordanien. Selbst nach der Waffenruhe konnten nur 1.500 Patient*innen aus Gaza in andere Länder gebracht werden. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Menschen, die auf eine Überweisung warten, sterben, weil die Wartezeit so lang ist. Deswegen setzen wir uns dafür ein, dass Kranke wieder von Gaza nach Ostjerusalem sowie ins Westjordanland verlegt werden können, weil dies der effizienteste Weg ist. Die Krankenhäuser in Ostjerusalem, einschließlich das Augusta Victoria Hospital, verfügen über die nötigen Kapazitäten in relativer Nähe. Wir sprechen von 70 und 80 Kilometern, das sind höchstens eineinhalb Stunden Fahrtweg.
Über wie viele Menschen sprechen wir?
In Gaza warten mehr als 18.000 Personen auf eine medizinische Behandlung außerhalb von Gaza. Mindestens 60 Prozent von ihnen sind Krebspatient*innen. Ihre Zahl steigt jeden Tag. Vor dem Krieg wurden jährlich bis zu 2.000 Patient*innen im Augusta Victoria Hospital behandelt. Damals gab es ein System für Transport, Unterkunft, medizinische Betreuung und Koordination durch israelische Behörden. Dieses System könnte durch politische Entscheidungen schnell wieder eingerichtet werden. Andernfalls bedeutet es, dass Menschen an ihrer Krankheit sterben werden.
Patient*innen sind zum Tode verurteilt.
Hunger war während des Krieges ein enormes Problem. Wie wirkt sich die angespannte Nahrungsmittelversorgung auf Menschen mit gesundheitlichen Problemen in Gaza aus?
Die Ernährung ist weiterhin ein großes Problem. Wir hören, dass es nicht genügend frisches Obst gibt und dass Lebensmittel sehr teuer sind, weil es zu wenig gibt. Es gibt vor allem Konserven und verarbeitete Lebensmittel, die keine ausgewogene Ernährung ermöglichen und dadurch die Gesundheit beeinträchtigen. Insbesondere Krebspatient*innen benötigen manchmal eine spezielle Ernährung, damit ihr Körper die Krankheit bekämpfen und eine Behandlung verkraften kann. Und selbst wenn frische Lebensmittel verfügbar sind, können manche Menschen sie sich nicht leisten. Sie haben kein Geld und keine Arbeit. Die Arbeitslosenquote in Gaza liegt bei etwa 80 Prozent.
Sie arbeiten schon seit vielen Jahren im Gesundheitsbereich, und die Situation ist jetzt besonders herausfordernd. Was motiviert Sie persönlich, diese Arbeit fortzusetzen? Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung gibt?
Ich bin hier in Deutschland, um etwas Hoffnung zu finden. Persönlich glaube ich an unsere Fähigkeiten, unsere Möglichkeiten und unser Wissen, um Gutes für Menschen zu tun. Wir verfügen über die nötige Expertise, um auch den Menschen in Gaza Hoffnung zu geben, sobald wir die medizinischen Evakuierungen wieder aufnehmen dürfen. Wir sind die Gesundheitseinrichtungen in Ostjerusalem und im Westjordanland, die seit vielen Jahren mit Gaza arbeiten. Es ist unsere Pflicht als Ärzt*innen und als Menschen, weiter nach Möglichkeiten zu suchen, den Menschen vor Ort zu helfen. Unsere Mission ist es, Leben zu retten. Jede Unterstützung, die wir erhalten und ausweiten können, wird uns helfen, mehr Leben zu retten. Wir haben die Erfahrung und die Ressourcen, aber wir brauchen dringend den Zugang zu den Menschen und sie zu uns.