„Vorsorge bedeutet, nicht erst dann zu handeln, wenn eine Notlage eingetreten ist, sondern bereits im Vorfeld über die notwendigen Fähigkeiten, Vereinbarungen und Instrumente zu verfügen.“
Olga Lozano Cortijo ist stellvertretende Vorsitzende des Centro de Estudios y Prevención de Desastres (PREDES), einer Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe. Gemeinsam mit PREDES setzt die Diakonie Katastrophenhilfe ein von der Europäischen Union finanziertes Projekt zur Stärkung der Katastrophenvorsorge und Krisenreaktionsfähigkeit im Amazonasgebiet um.
Im Interview erläutert sie, wie die Katastrophenvorsorge in den Gemeinden des Amazonasgebiets gestärkt werden kann. Sie spricht über die Herausforderungen abgelegener Gemeinde, die Bedeutung der Stärkung lokaler Kapazitäten sowie über die Rolle von Satellitentechnologie und überliefertem Wissen bei der Verbesserung der Katastrophenprävention und der Notfallbewältigung.
Könnten Sie PREDES kurz vorstellen und erklären, was Ihre Organisation tut, um Gemeinden und lokale Behörden bei der Vorbereitung auf Katastrophen zu unterstützen?
PREDES (Centro de Estudios y Prevención de Desastres), ist eine Nichtregierungsorganisation für Entwicklung, die seit 1983 in Peru tätig ist. Unser Ziel ist es, zum Katastrophenrisikomanagement und zur Anpassung an den Klimawandel beizutragen. Wir fördern eine Kultur der Prävention als dauerhafte Haltung gegenüber Risiken aller Art. Wir betrachten das Katastrophenrisikomanagement und die Anpassung an den Klimawandel als wesentliche Bestandteile jedes Entwicklungsprozesses. Sie müssen von allen Akteuren getragen werden, die diese Prozesse ermöglichen: dem Staat, Organisationen der Zivilgesellschaft, der Bevölkerung und den Medien. Konkret stärken wir die Kompetenzen im Katastrophenrisikomanagement und bei der Anpassung an den Klimawandel mit einem ganzheitlichen Ansatz. Wir bieten Schulungen, Beratung und kontinuierliche Begleitung an, wobei wir an bereits vorhandenes Wissen anknüpfen. Gleichzeitig fördern wir die Selbstbestimmung und setzen uns dafür ein, dass die verschiedenen Akteure, etwa aus der Bevölkerung und lokalen Behörden, verantwortungsvolle Entscheidungen treffen. Darüber hinaus unterstützen wir die Entwicklung von Managementinstrumenten auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene, fördern die aktive Beteiligung gefährdeter Gemeinschaften unter Berücksichtigung von Inklusion und Chancengleichheit und unterstützen Menschen, die von Notlagen und Katastrophen betroffen sind.
Die Gemeinden im Amazonasgebiet sind Risiken wie Überschwemmungen, Dürren, Waldbränden und Konflikten ausgesetzt. Gleichzeitig sind viele Gebiete abgelegen und schwer erreichbar. Warum sind diese Gemeinden besonders gefährdet, und warum ist Vorsorge so wichtig?
Die Gemeinden im Amazonasgebiet sind einer Kombination aus natürlichen und vom Menschen verursachten Gefahren ausgesetzt. Hinzu kommen geografische Isolation, ein eingeschränkter Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und
unzureichende Kapazitäten, um im Notfall rechtzeitig reagieren zu können. Überschwemmungen beeinträchtigen Lebensgrundlagen, Dürren und Waldbrände gefährden die Verfügbarkeit von Wasser und Nahrungsmitteln, während
Konflikte Vertreibungen auslösen, und humanitäre Bedarf erhöhen. Deshalb ist Vorsorge von entscheidender Bedeutung: Sie ermöglicht, Risiken frühzeitig zu erkennen, Schäden zu verringern und nach dem Prinzip der Selbsthilfe organisiert, schnell und koordiniert zu reagieren. Um organisatorische Kapazitäten zu stärken, werden Notfallpläne und Reaktionsprotokolle entwickelt, Frühwarnmechanismen eingerichtet, die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren verbessert und Simulationsübungen durchgeführt. Ziel ist es, den Gemeinden die notwendigen Instrumente und Kenntnisse an die Hand zu geben, damit sie die Auswirkungen von Gefahren vorhersehen und bei plötzlich eintretenden Ereignissen organisiert, rechtzeitig und wirksam reagieren. Vorsorge bedeutet, nicht erst dann zu handeln, wenn eine Notlage eingetreten ist, sondern bereits im Vorfeld über die notwendigen Fähigkeiten, Vereinbarungen und Instrumente zu verfügen. Das schützt Menschenleben, Lebensgrundlagen und die Umwelt des Amazonasgebiets.
Im Rahmen dieses von der EU finanzierten Projekts entwickelt und erprobt PREDES mit lokalen Organisationen und Gemeinschaften Notfallpläne und andere Vorsorgemaßnahmen. Wie sieht das auf Gemeindeebene konkret aus?
PREDES wird seine Arbeit auf Gemeindeebene im Rahmen eines partizipativen Prozesses umsetzen, bei dem die Gemeinden selbst eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung auf Notfälle und bei der Bewältigung von Krisen übernehmen. Die Arbeit beginnt mit der Ermittlung der Risiken und der lokalen Kapazitäten, setzt sich mit der Entwicklung von Protokollen und der Stärkung der Kompetenzen der Menschen fort und endet mit praktischen Übungen,
anhand derer überprüft werden kann, ob die geplanten Maßnahmen funktionieren. Zunächst arbeiten wir mit lokalen Organisationen in den betroffenen Gebieten zusammen und stärken ihre technischen Kapazitäten, insbesondere im Bereich des Katastrophenrisikomanagements und Notfallplanung. So können sie im Ernstfall innerhalb von 72 Stunden reagieren. Gleichzeitig werden sie befähigt, diese Ansätze in die Gemeinden weiterzutragen. Dort werden auf Grundlage einer Analyse der größten Risiken, gefährdeten Familien, verfügbaren Ressourcen sowie bestehender Zugangs- und Kommunikationsprobleme Notfallprotokolle und Koordinierungsmechanismen entwickelt oder verbessert. Diese legen Zuständigkeiten, Warnmechanismen, Evakuierungswege, sichere Sammelpunkte und Verfahren zur Information von Hilfsorganisationen und Behörden fest.
Das Projekt unterstützt auch Frühwarnsysteme. Wie können Frühwarninformationen abgelegene Gemeinden erreichen und in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, wenn sich eine Krise abzeichnet?
Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem Aufbau eines digitalen Koordinierungsmechanismus, der Frühwarnsysteme unterstützt. Dieser Mechanismus soll es ermöglichen, der Bevölkerung im Rahmen vorausschauender Maßnahmen rechtzeitig Informationen bereitzustellen. Dafür werden besonders gefährdete Gebiete identifiziert, Schwellenwerte definiert und lokale Kommunikationssysteme festgelegt. Ziel ist es, Informationen und Kapazitäten zwischen den Gemeinden und den lokalen Notfallkoordinierungszentren miteinander zu verknüpfen – und zwar in beide Richtungen. Beispielsweise geben Behörden Informationen über die Wahrscheinlichkeit von Gefahren wie Überschwemmungen weiter. Dadurch kann sich die Bevölkerung schützen, und die Behörden leiten rechtzeitig Maßnahmen zur Notfallbewältigung und humanitären Hilfe ein.
Wie werden Informationen von Satelliten und anderen Technologien so aufbereitet, dass Gemeinden und lokale Behörden sie tatsächlich nutzen? Und wie lässt sich Technologie mit lokalem Wissen und Erfahrungen
verbinden?
Wir verwenden eine einfache und verständliche Sprache und erstellen leicht zugängliche Videos, in denen die dargestellten Bilder mit Fotos und Videos aus der jeweiligen Region verknüpft sind. Um Technologie mit dem überlieferten Wissen der Menschen zu verbinden, lernen wir dieses Wissen zunächst kennen und übersetzen es anschließend in Bilder, die die Menschen vor Ort wiedererkennen. Infografiken sind dafür ein sehr gutes Instrument.
Sie wurden eingeladen, an Diskussionen in Brüssel über Katastrophenrisikomanagement, vorausschauende Maßnahmen und Satellitentechnologie teilzunehmen. Warum ist es wichtig, dass Organisationen wie PREDES in diesen internationalen Diskussionen ihre Perspektive einbringen?
Die Beteiligung von Organisationen wie PREDES ist wichtig, weil unsere Arbeit in direktem Zusammenhang mit den Menschen steht, denen sie zugutekommt. Dadurch lernen wir die Lebensrealitäten und kulturellen Besonderheiten der
Menschen kennen und bemühen uns, ihr Weltbild, ihre Bräuche und ihr Wissen besser zu verstehen. Die Zusammenarbeit mit ihnen und die Ausrichtung unserer Arbeit auf ihre Bedürfnisse ermöglichen es uns, wirksamere
Interventionsstrategien zu entwickeln. Auch durch unsere Zusammenarbeit mit den lokalen Regierungen lernen wir deren Arbeitsweisen, Stärken und Schwächen kennen, sodass wir ihre Kapazitäten gezielt stärken und dabei auf ihre
tatsächlichen Bedürfnisse und Anforderungen eingehen können. Durch die Verknüpfung unserer Arbeit mit den Gemeinden und ihren Behörden tragen wir zur Nachhaltigkeit der Maßnahmen bei. Grundlage dafür ist die Stärkung der Selbstbestimmung der Bevölkerung, damit die Menschen selbst entscheiden und mitgestalten können, wie sie ihre Probleme lösen wollen. Gemeinsam mit den Gemeinden arbeiten wir
daran, ihre Kompetenzen zu stärken, ihre traditionellen Praktiken zu nutzen und weiterzuentwickeln sowie Pläne für das Katastrophenrisikomanagement und die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung auszuarbeiten. Mit den Behörden
setzen wir uns dafür ein, dass Katastrophenrisikomanagement und Klimaanpassung in ihre Planungs- und Managementinstrumente integriert werden. Außerdem fördern wir den Ausbau ihrer Kapazitäten und die Einrichtung von
Dialog- und Abstimmungsplattformen.
Was können europäische humanitäre Organisationen aus den Erfahrungen von lokalen Gemeinden und zivilgesellschaftlichen Organisationen in Lateinamerika lernen?
Europäische humanitäre Organisationen könnten die Gemeinden, die Menschen vor Ort und ihre tatsächlichen Bedürfnisse besser verstehen. Vor allem gestalten sie ihre Maßnahmen dann so, dass sie das überlieferte Wissen der
Menschen sowie ihre Beziehung zur Natur wertschätzen. Angesichts der geographischen Größe und Komplexität des Amazonasgebiets müssen wir außerdem die kulturelle Vielfalt berücksichtigen. Ein Kleinbauer in Kolumbien hat andere Lebensrealitäten als ein Kleinbauer in Ecuador, Peru oder Bolivien. Dasselbe gilt für das Amazonasgebiet, in dem es zudem besonders verwundbare und isoliert lebende Gemeinden gibt.