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Logbuch Ukraine: Einblicke in die Arbeit Teil III

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Mitarbeitende unserer ukrainischen Partnerorganisation Vostok SOS sind auf Monitoring Mission im Osten der Ukraine. Jeden Tag besuchen sie andere Orte, um mit den Menschen zu sprechen, die Lage zu erfassen, humanitäre Nöte zu erkennen und Evakuationsbedarf zu registrieren. Die Ergebnisse des Monitorings helfen, den operativen Fokus dorthin zu richten, wo Menschen keine andere Hilfe bekommen. Wir veröffentlichen Auszüge aus ihrem Logbuch, geführt von Imke Hansen. Heute: Unterwegs in Mikolaev und Aleksandrivka.

Unterwegs in Mikolaev


Als wir in Mikolaev einfahren, ist die Stadt dunkel, Stromausfall. Die Ampeln funktionieren nicht. An jeder Kreuzung muss man sich mit den anderen Autofahrern darüber einigen, wer zuerst fährt. Fußgänger sind unsichtbar.

Es ist nicht die erste dunkle Stadt, durch die wir fahren, und es wird auch nicht die letzte sein. In den letzten Wochen war es in Kiew oft dunkel. Aber Kiew ist eine Stadt, die ich kenne. Ich erinnere mich, als ich im Frühling zum ersten Mal durch das komplett leere und dunkle Kiew gefahren bin – wir hatten uns auf unserer Fahrt aus Sumy verspätet und kamen erst nach der Sperrstunde an – wirkte es für mich wir eine Filmszene aus der „Matrix“.  Das dunkle Kiew war ungewohnt und spannend und nun ist es fast zur Normalität geworden. Ich habe es nie als unsicher oder bedrohlich empfunden. Aber ich war noch nie in Mikolaev, und eine Stadt neu kennenzulernen, die stockdunkel ist und jede Farbe, jede Bewegung verschluckt, ist etwas anderes.

Unterwegs nach Aleksandrivka

Wer im Frontgebiet und in den befreiten Gebieten unterwegs ist, muss immer darauf gefasst sein, irgendwo fest zu hängen, stecken zu bleiben, nicht weiter zu kommen. Es kann ein Checkpoint sein, der uns nicht passieren lässt, eine gesprengte Brücke, eine Straßensperre, Minenkontamination oder die Abwesenheit einer befahrbaren Straße.

Auf unserem Weg in die Dörfer Aleksandrivka und Maksimivka hatten wir ausreichend Gelegenheit zum Festhängen. Als wir den ersten Checkpoint passiert hatten, waren wir erstmal erfreut, denn am Tag zuvor war uns die Durchfahrt dort verwehrt worden. Nach etwa einer halben 40-minütigen Fahrt über Straßen, die an den Mars erinnern, erklommen wir einen Hügel und hatten auf einmal einen wunderschönen Blick auf eine Menge Wasser – auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Seite ein See und dazwischen eine Landzunge, die zum gegenüberliegenden Ufer führt.

Auf der Landzunge hatten die Kämpfe deutliche Spuren hinterlassen. Auf der linken Seite säumten verbrannte Autos den Straßenrand. Auf der rechten Seite waren mehrere Teams damit beschäftigt, Minen zu suchen und bergen. Kurz vor dem anderen Ufer ein Feld mit einem verbrannten Panzer und weniger identifizierbarem verbrannten Militärgerät. Am Checkoint direkt am Ufer warfen wir den ersten Blick auf das zerstörte Dorf Aleksandrivka - und leider auch den letzten. Hier hatten wir kein Glück und mussten umkehren. Alles, was wir bis dahin gesehen hatten, war die Reise aber bereits wert gewesen. Wir orientierten uns in Richtung des nächsten Dorfes auf unserer Liste.

Es stellte sich heraus, dass dieses Dorf mindestens genauso schwierig zu erreichen war. Wir passierten den nächsten Checkpoint ohne Probleme, blieben aber einen Kilometer weiter an einer gesprengten Brücke stecken. Es gab einen Weg durch die Felder, die einzige Möglichkeit, weiterzukommen, wie es hieß. Ich wäre auf den ersten Blick auf den Weg gar nicht auf die Idee gekommen, dass es sich um eine Straße handelte, denn es sah aus wie von riesigen Pfützen durchzogener Morast, wie ein aufgeweichter Feldrand. Und da müssen wir jetzt durch.

Es war tatsächlich die schlammigste Straße, die ich je gefahren bin. Der Geländewagen sank tief in den weichen Boden ein. Schlammbrocken spritzten, und wir rutschen immer wieder in Richtungen, in die wir gar nicht wollten. Die Pfützen von unbekannter Tiefe zu umfahren war nicht leicht, weil wir immer wieder in die tief eingegrabenen Spuren rutschten. Wir schwammen mehr, als dass wir fuhren, stellten uns mehrmals quer und brauchten mehrere Anläufe, um einige der Hindernisse auf dem Weg zu überwinden. Schließlich gelang es uns. Als wir die nächste Straße erreichten, waren wir sehr froh und das Auto sah sehr interessant aus. Die untere Hälfte braun, die obere weiß mit Braunen Punkten. An jedem Checkpoint, den wir an dem Tag noch passierten, machten die Soldaten Witze übers Autowaschen.

 

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