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Interview: „Wir saßen da und versuchten, irgendwas zu tun“

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Seit 2024 unterstützen wir die Emergency Response Rooms (ERR) im Sudan – ein Netzwerk aus rund 600 Nachbarschaftskomitees mit etwa 12.000 Freiwilligen, die Suppenküchen betreiben oder Menschen mit Wasser und Medikamenten versorgen. Ergänzend entstanden Women Response Rooms (WRR), die gezielt auf die Bedarfe von Frauen eingehen. Mitbegründerin Duaa Tareeg berichtet im Interview von ihren Erfahrungen im Krieg und der Entstehung des Netzwerks.

Frau Tareeg, die ERR entwickelten sich nach dem Kriegsbeginn im April 2023. Was ist damals genau passiert?
Der Krieg begann in Khartoum. In den ersten Monaten verließen tausende Menschen die Stadt. Wer es sich irgendwie leisten konnte, floh aus dem Land. Das war vor allem der wohlhabendere Teil der Bevölkerung. Ich hatte mein ganzes Leben in Khartoum verbracht, gehen oder bleiben war für mich ein innerer Konflikt. Wir begannen dann, Evakuierungen zu organisieren und vernetzten uns mit den Busfahrern und Menschen aus anderen Stadtvierteln. Die Rebellen plünderten die Geschäfte und Märkte der Stadt und verschleppten Menschen aus ihren Autos heraus. Das Leben in Khartoum war wie abgeschnitten – alles wurde aus der Stadt herausgeholt, aber nichts ging mehr hinein. Zu Kriegsbeginn im April war ich im fünften Monat schwanger, meine letzte Schwester floh im Juni 2023. Ich blieb zurück mit vielen Menschen, die ich nicht persönlich kannte. 

Gleichzeitig sah man immer weniger Frauen auf den Straßen. Wir saßen da und versuchten, irgendwas zu tun. In den Nachbarschaften schlossen sich viele Menschen zusammen, um sich gegenseitig zu schützen. Wir hatten zwei junge Männer mit Fahrrädern, die Menschen Lebensmittel lieferten. Sie wurden später verhaftet und wir merkten, dass Hilfe so nicht funktioniert. Als das Essen knapp wurde, wandten wir uns an internationale Organisationen, doch die legten die Priorität auf die Evakuierung der Menschen. Also begannen wir nachzudenken und versuchten andere Wege zu erschließen. Und dann stießen wir auf Gemeinschaftsküchen und dachten, dass wir das versuchen können. Wir gingen hin und fingen an, mit diesen Leuten zu reden. Um nicht Streitigkeiten innerhalb der Nachbarschaften und zwischen Familien zu wecken, mussten wir die Gemeinschaftsküche an einem Ort errichten, zu dem alle kommen können. Wir entschieden uns für eine öffentliche Schule. Alle Menschen konnten mit ihren Essensbehältern kommen und miteinander reden. Und so haben wir die erste Suppenküche eröffnet. Ein Freund und ich gingen los, holten 10 Kilo Reis und 10 Kilo Linsen und kochten. Das Essen haben wir an die Menschen verteilt, die zufällig vorbeikamen. Wir sagten ihnen, dass wir ab sofort jeden Tag Essen verteilen werden. Am nächsten Tag standen 80 Familien mit 80 Essensbehältern in einer Schlange vor uns.

Woher bekamt Ihr das Geld für die Suppenküchen?
Wir fingen an, Fotos und Videos von unseren Aktionen zu machen. Währenddessen flogen Drohnen und Kampfjets über uns. Wir schnitten die Videos zusammen und teilten sie über WhatsApp. Die Menschen sahen unsere Videos und sagten „Was macht ihr da? Das ist ja verrückt“. Und so wuchsen wir. Frauen kamen, um beim Kochen zu helfen. Zu dieser Zeit bezahlten wir alles aus eigener Tasche. Dann kam eine Organisation und gab uns 1.000 Dollar. Damit haben wir Festivals für Kinder veranstaltet, damit sie malen und spielen können. Auch das haben wir in einem Video festgehalten. Und dann kamen viele Mittelgeber auf uns zu.

Wie haben sich die Women Response Rooms im Sudan entwickelt? Sind sie ein Teil der ERR-Struktur oder sind sie etwas Separates?
Als die Vergewaltigungen und die geschlechtsspezifische Gewalt durch den Krieg immer mehr zunahmen, merkten wir, dass wir eigene Räumlichkeiten nur für Frauen brauchten. Zu uns kamen viele vergewaltigte Frauen aus der Nachbarschaft, denen wir zunächst kaum helfen konnten. Wir nahmen dann an einem UN-Workshop zu Gesundheitshilfe teil und gingen in die Krankenhäuser, woraus sich eine Partnerschaft mit MSF entwickelte. Zudem gab es in der Gemeinschaftsküche keinen Pausenraum für Frauen, stillen und Kinder ablegen war kaum möglich. Freiwillige richteten ein Klassenzimmer ein, das bald als Rückzugsort für Frauen diente. Daraus entstanden Diskussionen über frauenfreundliche Räume, Hygiene-Sets und nötiger Erstversorgung nach Vergewaltigungen. Medizinisch geschulte Freiwillige bildeten sich gegenseitig fort, versorgten Überlebende und organisierten Salzlösungen und Kanülen, weil offizielle Hilfe oft unerreichbar war. Das war sehr wichtig, denn in der Gemeinde kursierten gefährliche Selbst-behandlungen, zudem wurde sexuelle Gewalt wurde stigmatisiert und politisiert. In Khartoum gab es 2023 Berichte über massenhafte Gewalt und Vergewaltigungen durch Soldaten. Die Woman Response Rooms sind heute für die grundlegenden Bedürfnisse von Frauen gedacht und nicht wie die Emergency Response Rooms nur auf Notfälle ausgelegt. Sie richten sich generell an die Bedürfnisse von Frauen, die auch schon vor dem Krieg existierten – im Sudan und überall auf der Welt.

Wie haben Sie sich mit anderen Gebieten im ganzen Land vernetzt?
Alles begann mit einem Online-Video und anschließenden Schulungen, etwa wie man mit UN-Mitarbeitenden kommuniziert. Weil direkte UN-Partnerschaften eine Registrierung erfordern, suchten wir nationale, registrierte Partnerorganisationen, lehnten aber eine Fremdverwaltung ab. Unsere Gruppen lernten die Prinzipien gegenseitiger Hilfe, verfassten rasch eine Charta und organisierten sich an sieben Orten im Bundesstaat Khartum. Die Koordination lief über eine WhatsApp-Gruppe mit gewählten Vertreter:innen und jede ERR bekam klare Rollen bezügliche des Programms, der Finanzen und der Berichterstattung zugewiesen. Auf dieser Basis entstand ein System von Arbeitsgruppen mit erweiterten Geschäftsstellen, das technische Aufgaben, Finanzsysteme, Berichterstattung und Datenanalyse bündelte. Zur Professionalisierung wurden Strukturen und Entscheidungsregeln definiert, inklusive Wahlprozessen und Rechenschaftspflichten. Unser Ansatz setzt auf gleichberechtigte Partnerschaften statt reiner Verwaltung und fördert lokale Autonomie. Aktuell integrieren wir KI-Tools, um die Datenanalyse, die Archivierung und die Berichterstattung zu verbessern. Gleichzeitig bauen wir unsere Netzwerke und organisatorische Kapazitäten weiter aus, um nachhaltige, lokal verankerte Hilfe zu gewährleisten. Wir begannen mit Gemeinschaftssitzungen, in denen Nachbarn ihre Bedürfnisse und Vorschläge für Hilfsaktivitäten einbrachten. Aus diesen Basisideen entstanden gemeinsam mit Partnerorganisationen formal ausgearbeitete Projektanträge, die externen Anforderungen genügten, um Risiken vor Ort zu minimieren und Geldflüsse sicher über registrierte Partner zu leiten. Vor Ort setzten wir auf Solidarwirtschaft: Geld wird an Händler weitergegeben, die dafür Sachleistungen liefern. So bleiben Entscheidungen nah an der Basis, die Umsetzung wird professionalisiert und externe Mittel sind nutzbar, ohne die lokale Sicherheit oder Autonomie zu gefährden.

Gibt es besondere Aktivitäten der WRR für Frauen, die andere Response Rooms nicht anbieten?
Die Frauenabteilung trennt Aktivitäten nach Bedarf: psychische Gesundheits- und psychosoziale Förderprogramme, Frauenkooperativen sowie lebensrettende Maßnahmen und Wiederaufbauprojekte. In friedlichen Regionen gibt es auch Entwicklungsprojekte. Die Arbeit umfasst Unterstützung zu sexualisierter Gewalt, wie etwa Evakuierungen, medizinische und psychologische Nachsorge, aber auch finanzielle Hilfe für Schul- und Studiengebühren oder Kleinstprojekte zur Einkommenssicherung. Für schwangere und stillende Frauen werden Gesundheitsversorgung, Hilfe beim Stillen oder Babynahrung bereitgestellt. Besondere Hilfe erhalten Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgehen, damit die finanzielle und emotionale Belastung gemindert wird. Zum ist Bildungsförderung ein zentraler Punkt: seit 2023 läuft ein Programm für Schulfrühstück in Khartum, das landesweit mit Partnern wie WAFB und UNICEF ausgeweitet wird. Mit der Sanierung von Schulen wollen wir bessere Bedingungen für Rückkehrende schaffen. Viele Frauen sind alleinerziehend, daher wirkt die Förderung von Kindern indirekt frauenstärkend. Für mehr Nachhaltigkeit gibt es Frauenkooperativen, die Frauen aus Fonds mit Startkapital fördern. Unser Ziel ist der schrittweise Übergang von Nothilfe zu lokaler Selbstorganisation, da wir unsere Bewegung als Solidaritätsnetz und gegenseitige Hilfe verstehen.

In den letzten Monaten sind rund 3 Millionen Menschen in ihre Heimat zurückgekehrt. Liegt das am Versorgungsmangel in den Vertriebenenlagern oder ist der Krieg in einigen Teil tatsächlich beendet?
Wir blicken jetzt auf den Tag danach. Der Krieg ist in einem großen Teil des Landes beendet und es herrscht teilweise Stabilität. An vielen Orten ist das Leben der Menschen auf dem Weg der Besserung. Wir leisten immer noch lebensrettende Nothilfe in Gebieten wie Kordofan und Darfur, die nach wie vor umkämpft werden, und konzentrieren uns auf die dynamische und sich verändernde militärische Lage im Nordsudan. Die Prioritäten ändern sich entsprechend der Lage an der Front. Ja, viele Menschen sind zurückgekehrt, denn die Situation in den Vertriebenenlagern ist in jeder Hinsicht unmenschlich. Man kann dort nicht leben, denn es gibt keine Hilfen. Daher ist es besser nach Hause zurückzukehren. In Khartum ist inzwischen der Großteil der Stromversorgung wieder verfügbar. Die Orte unter der Kontrolle der Armee sind besser aufgestellt und kehren tatsächlich zur Normalität zurück, Schulen und Universitäten oder öffentliche Plätze öffnen wieder. 

Der Krieg hat alle zu bloßen Überlebenden degradiert, das bedeutet wenigstens eine Mahlzeit am Tag. Da bleiben keine Träume und Gedanken über die Zukunft. Im Grunde genommen sind alle Menschen in Khartum unterernährt. Schulen stellen keine Mahlzeiten zur Verfügung, Beamte und Lehrer bekommen keine Gehälter. Wer Fachkenntnisse hat, sucht nach Möglichkeiten, das Land zu verlassen – und die meisten von ihnen sind schon gegangen. Man kann nicht unterernährt und arm sein und auch noch ohne Gehalt arbeiten. Daher fördern wir nicht nur die Bildung, sondern auch die Mitarbeitenden in der Bildung wie beispielsweise Lehrer, damit sie überhaupt wieder unterrichten können.  

Kann man sich im Land wieder frei bewegen?
Die Lage im Sudan ist hochgradig eingeschränkt, es gibt keine Bewegungsfreiheit. Selbst innerhalb der Bundesstaaten bestehen verschiedene Kontrollzonen (SAF, RSF, Tassis, SPLM). Humanitäre Arbeit erfordert Neutralität und vorsichtiges politisches Verhalten. Die ERR operieren auf Basis einer Charta der gegenseitigen Hilfe und Neutralität, um Zugang zu allen Gebieten zu sichern und ihre Freiwilligen zu schützen. Deshalb vermeiden wir Partnerschaften mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, die in die formale Politik eingebunden sind. Wir wollen nicht in Konflikte hineingezogen werden.

Im vergangenen Jahr wurden die ERR mit vielen Menschenrechtspreise und dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Wie hat sich das auf Eure Arbeit ausgewirkt?
Die Auszeichnungen stärken unsere internationalen Verbindungen. Sie erhöhen den Respekt, sichern Partnerschaften und tragen zur Wahrnehmung als neutraler Akteur bei. Internationale Treffen führten zu neuen Partnerschaften und Anerkennung, doch trotz wachsender Kooperation fühlen wir uns nicht immer als gleichberechtigter Partner am Tisch, insbesondere angesichts globaler Mittelkürzungen und der Neuverhandlungen humanitärer Agenden. Wir haben in drei Jahren beachtliche Erfolge erzielt: Insgesamt haben wir mehr als 12 Millionen Menschen erreicht, 26.000 Freiwillige sind landesweit aktiv. Diese Reichweite stärkt lokale Legitimität und Stolz auch in abgelegenen Gemeinden. Zugleich gibt es Frustration über rückläufige Finanzierungen; dennoch beinhalten die aktuellen Partnerschaften Ressourcen und Mitsprache bei der Programmentwicklung. Strategisch streben wir an, den humanitären Raum zu professionalisieren, Schutz und Neutralität zu bewahren und gleichzeitig die lokale Autonomie zu stärken. Öffentlichkeitswirksame Anerkennung nutzen wir um unsere Netzwerke auszubauen und das Vertrauen in den Gemeinschaften zu festigen – das ist essenziell für Akzeptanz, Sicherheit und nachhaltige Hilfe in einem komplexen und fragmentierten Konfliktumfeld.

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