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Interview: Situation im Tschad an der Grenze zum Sudan

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Sabrina Ensenbach, Beraterin für humanitäre Hilfe in den Regionen West- und Zentralafrika und der Karibik, besuchte im November den Osten des Tschad. Gemeinsam mit unseren lokalen Partnerorganisation leisten wir dort Nothilfe für Geflüchtete aus dem Sudan und für die aufnehmenden Gemeinden. Im Interview berichtet sie über die aktuelle Situation und und die größten Herausforderungen.

Frau Ensenbach, wie schätzen Sie die aktuelle Lage in der Region ein?

Der Osten des Tschad ist sehr von der Sudan-Krise geprägt. Laut UN-Angaben sind in den vier an den Sudan grenzenden Provinzen im Osten des Landes seit April 2023 mehr als 900.000 Geflüchtete angekommen, die vor Unsicherheit, Verfolgung und Hungersnot fliehen. Fast 90 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder. Hinzu kommen fast 400.000 Menschen, die seit 2003 im Zuge des Darfur-Konflikts in den Tschad flohen. 

Wir waren in den Provinzen Ouaddaї und Sila unterwegs. Von Goz Beida aus besuchten wir mehrere Projektstandorte, unter anderem das Geflüchtetencamp Zabout, dass nur ein paar Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt liegt. Die Lebensbedingungen in Zabout sind äußerst prekär. Es ist das zweitgrößte Camp mit über 50.000 Menschen, die auf einer Fläche von 5 x 7 Kilometern meist in aus Holzlatten und Planen gefertigten Hütten leben. Der Großteil sind schutzbedürftige Frauen und Kinder. Die verfügbaren Ressourcen vor Ort reichen nicht aus, um ihren Grundbedarf an Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und Unterkünften zu decken.

Darüber hinaus leidet die Region unter Klimaextremen wie Dürren und saisonale Überflutungen. So wurde uns in Sila berichtet, dass die letzte Anbausaison erheblich durch Wassermangel und eine Heuschreckenplage beeinträchtigt wurde. Die Menschen, die um ihre Hütten herum oder auch auf einem Feld anbauen konnten, erlitten Ertragseinbußen. Hinzu kommt der anhaltende Druck bewaffneter Gruppen auf die Ernten. 

Kurzum, die Lage ist extrem schwierig. Dies zeigt sich vor allem in den wachsenden Zahlen zur Unterernährung – vor allem bei Kindern im Alter von sechs bis 59 Monaten, sowie schwangeren und stillenden Frauen.

Welche Auswirkungen hat der Konflikt im Sudan auf die Situation im Tschad?

Die ohnehin schon prekäre Lage im Osten des Tschad wird durch den Konflikt im Sudan noch verschärft. Die wenigen Ressourcen – sprich Nahrungsmittel, Wasser oder landwirtschaftliche Nutzflächen – werden für noch mehr Menschen gebraucht. Das birgt ein großes Konfliktpotenzial. Nach der grausamen Eroberung der Stadt El-Fasher durch die Milizen der Rapid Support Forces (RSF) Ende Oktober kommen immer mehr Menschen im Tschad an, viele konnten sich aber auch noch nicht in Sicherheit bringen und stecken unter schrecklichen Bedingungen und Gefahren in Darfur fest. Wer es über die Grenze schafft, kann wohl froh sein – und steht dennoch vor dem Nichts. Dies erhöht den Druck auf lokale Gemeinden und humanitäre Hilfsorganisationen, die Geflüchtete aufnehmen und versorgen. Die Situation wird in nächster Zeit vermutlich noch dramatischer werden, sofern noch mehr Menschen die Flucht über die Grenze gelingt.

Was brauchen die Menschen vor Ort derzeit am dringendsten?

Die Menschen brauchen vor allem Nahrungsmittel, Trinkwasser, schützende Unterkünfte und gesundheitliche Versorgung. Unsere Recherchen haben ergeben, dass die lokalen Märkte funktionieren, so dass wir vor allem durch Bargeldhilfen zur Ernährungssicherung von Familien beitragen. Dadurch können die Menschen selbst entscheiden, was sie am nötigsten brauchen und auch flexibel auf Notlagen reagieren.

Gibt es akute Bedarfe, die besonders hervorstechen?

Ich konnte eindrücklich sehen, wie durch die weltweiten Kürzungen für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit konkrete Finanzierungslücken entstanden sind. Beispielsweise haben wir in Goz Beida ein Intensiv-Ernährungszentrum für schwere akute Mangelernährung besucht. Das von uns unterstützte Gesundheitszentrum im 30 Kilometer entfernten Doroti überweist schwere Fälle von Unterernährung weiter an diese Klinik. Das heißt, wir sind drauf angewiesen, dass das Zentrum die Kinder und ihre Mütter aus unserem Projekt aufnimmt und medizinisch versorgt.

Bei unserem Besuch schilderte uns der Leiter des Zentrums die schwierige finanzielle Lage, und dass die Finanzierung vorerst nur bis Februar 2026 gesichert sei. Damit fiele dann auch die Versorgung der akut mangelernährten Kinder aus dem von uns geförderten Gesundheitszentrum in Doroti weg. Wohin sollen Frauen mit akut unterernährten und geschwächten Kleinkindern dann gehen? Wie viele von Ihnen werden sterben? Wie können wir bei der Diakonie Katastrophenhilfe zusätzliche Spenden einwerben, um diese Lücke zu füllen? Diese Fragen und Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Was kann die Arbeit vor Ort konkret bewirken?

Konkret können und müssen wir Menschen dazu befähigen, sich und ihre Familien selbst zu versorgen, etwa durch einkommensschaffende Maßnahmen. Wir konnten bei unserem Besuch mit Frauen sprechen, die mithilfe des Projekts ein kleines Gewerbe starten konnten und mit dem Gewinn aus ihrem Handel ihre Kinder versorgen und in die Schule schicken können.

Auch die Aufklärungsarbeit im Bereich der Mangelernährung finde ich sehr wichtig. Hier hilft unser Projekt mit angereichertem Säuglingsbrei und Medikamenten und stärkt durch Schulungen der Mütter das Bewusstsein für verbesserte Ernährung von Kleinkindern. Solche Initiativen, die auf Selbstermächtigung und etwas mehr Langfristigkeit abzielen, sind für mich am wirksamsten - gerade vor dem Hintergrund immer knapper werdender Mittel für die humanitäre Hilfe.

Können Sie ein Beispiel nennen, in dem das Projekt ganz konkret etwas verändert hat – für eine einzelne Person, eine Familie oder eine Gemeinschaft?

Besonders positiv ist mir eine Frau namens Noora in Erinnerung geblieben. Sie war die erste Frau, die sich bei unserem Austausch mit einer Gruppe von etwa 100 Menschen in Zabout zu Wort meldete, um zu schildern, was sich konkret für sie und ihre Familie verändert hat. Die 30-jährige floh 2023 mit ihren vier Kindern und ihrem Ehemann aus dem Sudan. Durch unser Projekt erhielt sie finanzielle Unterstützung für Nahrungsmittel und einen Zuschuss zur Gründung eines Kleinunternehmens. Noora entschied sich für den Verkauf von gekühlten Getränken. Dank ihres Unternehmergeistes kann sie nun den Kredit für einen Gefrierschrank zurückzahlen, ihre Familie ernähren und sogar jeden Monat etwas sparen. Zudem hat sie die Ernährung ihrer Kinder durch Hühnerzucht ergänzt und unterstützt jetzt als „Vorbildmutter“ in unserem Projekt andere Frauen mit praktischen Ernährungstipps.

Was hat Sie persönlich auf der Reise besonders bewegt oder beeindruckt?

Mich hat die große Resilienz der Menschen vor Ort beeindruckt. Die Geflüchteten aus dem Sudan haben Traumatisches erlebt und versuchen sich und ihre Familien unter widrigsten Umständen am Leben zu halten. Für die Menschen in den aufnehmenden Gemeinden im Tschad ist die Lebenssituation ebenso schwierig – sie leiden gleichermaßen unter knappen Ressourcen, dem Klimawandel und wachsender Gewalt.

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