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Erinnerungen an Luftbrücke nach Biafra: "Die Hilfe war ein Segen"

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Viel Käse war in den Lebensmittelpaketen, erinnert sich Emmanuel Ede. Ende der Sechziger Jahre lud er Hilfslieferungen aus einem Flugzeug, die über eine Luftbrücke nach Biafra gebracht worden waren. In Nigeria herrschte Bürgerkrieg: Die Provinz Biafra kämpfte um ihre Autonomie und wurde vom nigerianischen Zentralstaat isoliert. Zusammen mit anderen Zeitzeugen erinnerte Ede auf Einladung von der Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas international am 14. Januar im Auswärtigen Amt an die ökumenische Hilfsaktion für Biafra vor 50 Jahren.

Ende der 60er Jahre kämpfte die Provinz Biafra um ihre Autonomie und wurde vom nigerianischen Zentralstaat isoliert. Hilfsgüter werden entladen und für die Verteilung vorbereitet. Die ökumenische Aktion der „Joint Church Aid“ war so etwas wie die Geburtsstunde der humanitären Hilfe, wie wir sie heute kennen.

Als Junge war Emmanuel Ede nachts aus dem Dorf, in das er und seine Familie geflohen war, zu der Landstraße gelaufen, die als Landepiste diente. Er besaß nur das, was er am Körper trug, erinnert sich der heute 65-Jährige. Später kam er nach Deutschland und hat hier jahrelang als Architekt gearbeitet. „Wir müssen überleben“, war das einzige Ziel der Menschen damals. Mehr als zwei Millionen Menschen starben während der Blockade Biafras, viele von ihnen verhungerten.

Es hatte zwar lange gedauert, bis die Weltbevölkerung auf die Katastrophe aufmerksam wurde, doch irgendwann berichtete fast jede große Zeitung von der verheerenden Lage in der eingeschlossenen Region. Schreckliche Bilder von Kindern mit Hungerbäuchen flimmerten über die Bildschirme. Die Bilder haben letztlich den Ausschlag gegeben und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung mobilisiert. Das Elend hatte sie gepackt und die Geldbörsen geöffnet. Sie wollten mithelfen, die Krise zu bewältigen. Weltweit kamen Spenden zusammen, allein aus Deutschland insgesamt 80 Millionen D-Mark. Eingekauft wurden davon vor allem Lebensmittel, die Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas International mit Flugzeugen nach Biafra brachten. Finanziert wurden die Flugzeuge auch mit der Hilfe des Auswärtigen Amtes in Bonn. „Die Hilfe war ein Segen“, sagt Ede. Auch wenn der Käse für ihn eher eine traumatische Erinnerung geblieben ist – bis heute kann er ihn weder riechen noch essen. 

Die Luftbrücke rettete nicht nur dem Emanuel Ede, sondern unzähligen Menschen in Biafra das Leben. Die ökumenische Aktion der „Joint Church Aid“ war so etwas wie die Geburtsstunde der humanitären Hilfe, wie wir sie heute kennen.

Die Macht der Bilder

Die Veranstaltung im Auswärtigen Amt begann mit einem Vortrag von Florian Hanning, Historiker an der Universität Gießen. Er promovierte zum Thema Biafra und erläuterte den Zuhörerinnen und Zuhörern die politischen Hintergründe der Hilfsaktion. Während sie vergessen wurden, blieben die Hungerbauch-Fotos im kollektiven Gedächtnis. Hanning machte deutlich, dass sehr wohl eine ausgeklügelte PR-Kampagne dahintersteckte, bis die Menschen sich bewegten und spendeten. Interessierte Studenten aus Nigeria, die mit der bedrohten Volksgruppe der Ibo verbunden waren, hatten sehr geschickt mobilisiert und die Legende von einem aufziehenden Völkermord in Umlauf gebracht. Westliche Journalisten wurden ins Land geholt und sorgten dafür, dass erstmals auch in europäischen und amerikanischen Medien über einen innerafrikanischen Krieg berichtet wurde.

Letztlich bewegten die Elendsfotos die Menschen dazu, großzügig zu spenden. Bei der deutschen Bevölkerung, so Hanning, spielte dabei auch eine Rolle, dass die unbewältigten Erinnerungen an die letzten Jahre des Weltkriegs, Vertreibung und Flucht wachgerufen wurden.

Letztlich kam – vor allem bei Caritas und Diakonie – genug Geld an, um über 5.000 Flüge mit Hilfsmitteln für 116 Millionen D-Mark ins isolierte Biafra zu fliegen und auf dem Rückweg tausende – kurz vor dem Verhungern stehende - Kinder mitzunehmen. So erfolgreich die Flüge waren, so deutlich waren aber auch die Verluste: 122 getötete Helfer aus Biafra, 35 tote internationale Helfer, davon 25 Piloten oder andere Flugzeugbesatzung, insgesamt zwei Millionen Verhungerte und Getötete.

Der heutige Blick auf Biafra

Die Geschichten, die die Zeitzeugen von dem Einsatz damals erzählen, erinnern ein bisschen an die Männer mit ihren fliegenden Kisten, wie in Filmen der 50er- und 60-Jahre die Weltkriegsgeschichten weitergesponnen wurden.

An den Heldensagen störten sich denn auch die Experten, die in einer Diskussionsrunde aus heutiger Sicht die Lehren aus der Vergangenheit zogen. Dennoch kamen sie nicht umhin - trotz Kritik an der damaligen Vorgehensweise - den Pionieren der humanitären Hilfe ihren Respekt zu zollen und die Motivation und „Anpacker“-Mentalität der Hilfsaktion anzuerkennen. Auch heute gebe es eine ständige Gratwanderung zwischen dem Anspruch und unumstößlichen humanitären Prinzip der Neutralität und dem realen Druck der Kriegsparteien, Zugang zu den Notleidenden zu gewähren. Eine Hilfe ohne mit allen Parteien zu sprechen und zu verhandeln, ist oft nicht möglich. Besonders dann, wenn die Alternative ist, Menschen verhungern zu lassen. Wer Menschen helfen will, wird Kompromisse schließen müssen, so der Tenor der Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer um Bärbel Kofler, Beauftragte der Bundesregierung für Menschrechtspolitik und Humanitäre Hilfe und den Leitern von Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas international, Martin Keßler und Oliver Müller.

Keine Hilfsorganisation würde heute seine Mitarbeiter so in Gefahr bringen, wie es damals tagtäglich der Fall war. Die Diakonie Katastrophenhilfe hat selbstverständlich einen Sicherheitsbeauftragten, hält regelmäßig Übungen ab und wägt bei jeder Reise in ein Krisengebiet genau ab, welche Gefahren drohen. „Aber ohne ein gewisses Risiko geht es auch heute kaum,“ erklärt Martin Keßler.

Auch wenn man sich nicht gemein macht mit der einen oder anderen Seite, wird Hilfe auch heute nicht umhinkommen, die Akteure in einem Konflikt mit ihren Interessen zu benennen. Denn wenn wegen politischer Umstände nicht geholfen wird, sind die Opferzahlen noch höher.

Tanja Müller von der Universität Manchester hob den Vorteil kirchlicher Hilfsorganisationen hervor, häufig lokal in den Gemeinden verankert zu sei. Das schaffe Vertrauen und sorge Rückhalt und Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung. Die lokale Verankerung spielt mittlerweile, im Gegensatz zu Biafra, eine entscheidende Rolle in der Strategie der Hilfsorganisationen. Nicht nur, dass Hilfe auf die Kultur der Menschen und die Möglichkeiten der lokalen Märkte angepasst wird. Auch beim Knowhow, den Ortskenntnisse und dem Personal ist es heute üblich, auf lokale Partnerorganisationen zu setzen.. Die Hilfe kann so viel effektiver gestaltet werden. Jedenfalls ist das, so Oliver Müller, die Erfahrung der vergangenen Jahre.

Cash statt Käse

Staatliche Geber wie das Auswärtige Amt unterstützen die Hilfsorganisationen auch heute noch finanziell. 117 Millionen Euro stehen im Bundeshaushalt für Humanitäre Hilfe zur Verfügung. Wie die Hilfsorganisationen sieht auch die Bundesregierung die Notwendigkeit, Gelder für sogenannte vergessene Katastrophen bereit zu stellen. Vergessen sind Katastrophen oft deshalb, weil es keine Bilder gibt oder das Land aus dem Aufmerksamkeits-Horizont der Bevölkerung entschwunden ist. Trotzdem muss geholfen werden. Das Augenmerk dürfe deshalb nicht nur auf medial präsente Katastrophen (wie Biafra) gerichtet sein, sondern müsse auch Ländern wie der DR Kongo oder Südsudan gelten. Spenden ohne ausgewiesenen Verwendungszweck wird deshalb so dringend benötigt, um Hilfseinsätze in plötzlich auftretenden Katastrophen oder für nicht beachtete Krisen zur Verfügung zu haben.

Auch wenn einiges seit dem dem Paukenschlag in Biafra ähnlich geblieben ist, so ist die Hilfe in den vergangenen 50 Jahren deutlich professioneller und nachdenklicher geworden. „Sie analysiert, was man tut, und versteht, was man bewirkt,“ so Tanja Müller. Die Hilfe ist heute reflektierter und liefert keinen Käse (um die Überproduktion in Europa abzubauen), sondern fragt „Why not cash?“, wie Keßler es gegen Ende der Veranstaltung im Bezug auf die in der modernen humanitären Hilfe üblichen Geldtransfers sagt. Dann müsste der kleine Emmanuel nicht den verhassten Käse essen, sondern könnte kaufen, was die lokalen Märkte hergeben und ihm schmeckt.

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