Jonathan Schweiger ist Mitarbeiter im Büro der Diakonie Katastrophenhilfe in Kolumbien. Er berichtet aus dem Katastrophengebiet in Venezuela über die Lage vor Ort und wie die Diakonie Katastrophenhilfe mit ihren Partnern den Menschen nach den Erdbeben zur Seite steht.
Sie sind kurz nach den Erdbeben vom 24. Juni in die Katastrophenregion gereist und aktiv geworden. Was macht das Team gerade konkret vor Ort?
Die Diakonie-Katastrophenhilfe führt gemeinsam mit ihren Partnern AVESSOC, Acción Campesina, CESAP und CONCENTROOCCIDENTE schnelle Bedarfsanalysen in den betroffenen Erdbebengebieten durch. Das ist die wichtigste Grundlage für die Arbeit, die wir professionell planen und schnell umsetzen wollen. Darüber hinaus haben wir gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern sozialer und kirchlicher Organisationen in den venezolanischen Bundesstaaten Falcón, Yaracuy und im Hauptstadtdistrikt die am stärksten betroffenen Stadtviertel besichtigt, um den Menschen zuzuhören, die alles verloren haben. So erfassen wir aus erster Hand das Ausmaß der Tragödie. Das alles fließt in unsere Analyse und Entscheidungen über Hilfe ein.
Wie schätzt ihr die Lage knapp eine Woche nach den Erdbeben in Venezuela ein?
Laut dem Lagebericht des UN-Nothilfebüros (OCHA) vom 27. Juni gab es in sieben Bundesstaaten an den ersten Tagen mehr als 430 Nachbeben. Und es bebt weiterhin. Das erzeugt und verstärkt Ängste nach den Erfahrungen und Verlusten. Am stärksten betroffen ist La Guaira. Offiziell werden momentan mehr als 1.400 Tote und 3.200 Verletzte gemeldet. Diese Zahlen steigen im Laufe der Tage weiter an und die Hoffnung bleibt bestehen, Überlebende zu finden.
Vor diesem Hintergrund konzentrieren sich die Maßnahmen der Regierung und der internationalen Gemeinschaft auf Such- und Rettungsaktionen, medizinische Notfallversorgung und Schadensbewertung mit Fachpersonal aus 27 Ländern. Die Auswirkungen in den Bundesstaaten La Guaira, Miranda, Carabobo und Yaracuy sind schwerwiegend und stehen im Mittelpunkt.
Was haben euch die Menschen während des Assessments erzählt? Was ist euch am meisten in Erinnerung geblieben?
Die Widerstandsfähigkeit und die Fähigkeit der Betroffenen, mit der Krise umzugehen, ist trotz des Ausmaßes beeindruckend. Auch wenn sie wissen, dass sie ihr materielles Hab und Gut verloren haben, klammern sich viele Menschen an ihren Glauben und erkennen, dass das Wichtigste ist, am Leben zu sein, um weiterzumachen. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns eine ältere Frau, deren Haus vollständig zerstört wurde und die zwischen den Trümmern fegte und aufräumte, weil sie „es nicht mag, wenn ihr Haus schmutzig ist“. Das ist wirklich erschütternd.
Welche konkrete Hilfe bereitet die Diakonie Katastrophenhilfe gemeinsam mit ihren Partnern für die nächsten Tage vor?
Die Diakonie Katastrophenhilfe ist mit ihren Partnern AVESSOC, Acción Campesina, CESAP und Concentroocidente tätig, um die medizinische Grundversorgung wiederherzustellen und Medikamente zu verteilen. Mutter-Kind-Gesundheit sind weitere Ansätze, ebenso Maßnahmen für die psychische Gesundheit, da viele Menschen mental enorm betroffen sind. Auf materieller Ebene verteilen wir zunächst Wasserfilter und Menschen ohne ein Dach über dem Kopf erhalten Zelte, Matratzen und Erste-Hilfe-Sets. Alle Maßnahmen werden in enger Abstimmung und ständiger Koordination umgesetzt.
Was werden die größten Herausforderungen in den kommenden Wochen in Venezuela sein?
Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe werden die größten Herausforderungen die Einrichtung von Dienstleistungszentren sein, um Versorgungslücken zu schließen. Ebenso muss die Struktur geschaffen werden, um Notunterkünfte und provisorische Unterkünfte für längere Zeit zu betrieben und zu verwalten. Die vielen Vertriebenen und Obdachlosen müssen versorgt werden. Kinder und Jugendliche Schutz erhalten. Kritische Infrastruktur wie Strom, Wasser oder Abwasser ist beschädigt oder zerstört. Hinzu kommt, dass das Gesundheitssystem überlastet ist und der Ausbruch von Krankheiten droht. In diesem Zusammenhang ist es auch besonders wichtig, die Trinkwasserversorgung sicherzustellen. Um das alles zu stemmen, ist die rasche Finanzierung durch multilaterale Hilfsmechanismen sowie die Koordination zwischen Institution von entscheidender Bedeutung, damit das in den kommenden Wochen und Monaten funktioniert.