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Interview mit Andrij Waskowycz: Winterhilfe

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„Winterhilfe bedeutet nicht nur Wärme. Sie bedeutet, Menschen dabei zu helfen, sicher zu bleiben, ihre Würde zu bewahren und in ihren Gemeinden bleiben zu können.“

Andrij Waskowycz, Büroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in Kyjiw, spricht über die Herausforderungen, vor denen die Menschen in der Ukraine mit Blick auf den kommenden Winter stehen. Im Interview berichtet er, welche Erfahrungen aus der Winterhilfe des vergangenen Jahres in die aktuellen Vorbereitungen eingeflossen sind, wie die Diakonie Katastrophenhilfe gemeinsam mit ihren lokalen Partnern betroffene Gemeinden unterstützt und warum sowohl schnelle Hilfe als auch langfristige Unterstützung entscheidend sind. Außerdem erzählt er von einer Begegnung, die ihm aus dem vergangenen Winter besonders in Erinnerung geblieben ist, und erklärt, warum die Unterstützung durch Spender*innen auch in diesem Jahr so wichtig ist.

Andrij Waskowycz, Büroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in  Kyjiw

Lieber Herr Waskowycz, vor welchen Herausforderungen stehen die Menschen in der Ukraine mit Blick auf den kommenden Winter?

Der vergangene Winter hat uns gezeigt, wie verletzlich Menschen werden können, wenn extreme Kälte zu all den anderen Belastungen hinzukommt, mit denen sie ohnehin schon leben müssen.  Wir haben extrem niedrige Temperaturen erlebt, während Drohnen- und Raketenangriffe weiterhin die zivile und energetische Infrastruktur beschädigten. Ganze Stadtviertel und Gemeinden waren ohne Strom, Heizung und Wasser – manchmal nicht nur für einige Tage, sondern über einen deutlich längeren Zeitraum. Mit Blick auf den kommenden Winter ist das für die Menschen in der gesamten Ukraine eine große Sorge. Es herrscht  große Unsicherheit darüber, was sie erwartet. Wird der Strom verfügbar sein? Wird es Heizung geben? Werden die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern bleiben können?  Diese Unsicherheit ist besonders belastend für Menschen mit geringem Einkommen, kinderreiche Familien, ältere  Menschen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität – also für Menschen, die weniger Möglichkeiten haben, die Situation aus eigener Kraft zu bewältigen und auf soziale und humanitäre Unterstützung angewiesen sind.

 

Was habt ihr aus der Winterhilfe des vergangenen Winters gelernt und was bedeutet das für die Vorbereitung auf den kommenden Winter?

Wir waren nicht darauf vorbereitet, wie kritisch sich die Situation entwickeln würde. Wir hatten nicht mit einem derart weitreichenden Schaden an der Energieinfrastruktur gerechnet, durch den ganze Stadtteile und Städte über längere Zeit ohne Heizung, Strom und Wasser waren. Wir mussten sehr schnell Entscheidungen treffen und auf Bedarfe reagieren, die sich teilweise von Tag zu Tag verändert haben. Dank des Nothilfepakets für die Winterhilfe von Diakonie Katastrophenhilfe und der engen Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen konnten wir reagieren. Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, Bedarfe schnell zu erkennen und die Hilfe ohne Verzögerung zu den Menschen zu bringen. Aber vielleicht war die wichtigste Erkenntnis: Wir müssen uns auf den Winter vorbereiten, bevor der Winter beginnt. Deshalb haben wir in diesem Jahr deutlich früher mit den Vorbereitungen begonnen. Wir wissen, welche Ressourcen zur Verfügung stehen, wofür wir sie einsetzen wollen, und planen die Maßnahmen gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen. Für mich bedeutet Vorsorge genau das: nicht auf die Krise zu warten, sondern sich rechtzeitig darauf vorzubereiten.

 

Gab es unerwartete Herausforderungen oder Engpässe und wie habt ihr diese überwunden?

 Eine der größten Herausforderungen war die mangelnde Verfügbarkeit von Geräten und Materialien auf dem Markt. Als sich die Krise verschärfte, stieg die Nachfrage nach allem, was Menschen helfen konnte, sich warm zu halten, dramatisch an. Brennholz, Pellets, Kohle, Briketts, Heizgeräte und Powerbanks wurden deutlich teurer und waren teilweise nur schwer zu bekommen. Trotz dieser Herausforderungen konnten unsere lokalen Partnerorganisationen einige der Menschen erreichen, die besonders dringend Hilfe benötigten – darunter kinderreiche Familien, Binnenvertriebene, Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen. Ihre lokale Präsenz und ihre Kenntnis der Gemeinden waren dabei entscheidend. Sie wussten, wo die Bedarfe am größten waren und wie sie die Menschen erreichen konnten, selbst wenn sich die Situation sehr schnell veränderte.

 

Wie sieht die aktuelle Winterhilfe aus, und wie unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe gemeinsam mit ihren lokalen Partnern die betroffenen Gemeinden?

Aufgrund unserer Erfahrungen aus dem vergangenen Winter haben wir bereits frühzeitig mit den Vorbereitungen für das neue Winterhilfeprojekt begonnen. Eine frühzeitige Vorbereitung macht einen großen Unterschied. Die benötigte Ausrüstung ist jetzt verfügbar, die Preise sind im Sommer niedriger, und wir können größere Mengen für das gleiche Geld einkaufen. Mit anderen Worten: Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln können wir mehr Menschen helfen. Wir unterstützen kritische Infrastruktur und besonders schutzbedürftige Haushalte mit autonomen Heizlösungen, mobilen Heizkesselanlagen und individueller Heizausrüstung. Außerdem helfen wir besonders gefährdeten Haushalten, sich rechtzeitig auf den Winter vorzubereiten, unter anderem durch die Bereitstellung von Festbrennstoffen und warmer Kleidung. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Hilfe ist die finanzielle Unterstützung. Damit können Familien warme Kleidung und Schuhe für ihre Kinder kaufen. Erwachsene können die Unterstützung für wichtige Ausgaben im Winter verwenden, zum Beispiel für Heiz- und Wasserkosten. Und ergibt noch eine andere Seite dieses Themas, die manchmal leicht übersehen wird. Kinder wachsen sehr schnell. Familien mit sehr geringem Einkommen können es sich oft nicht leisten, Winterkleidung zu ersetzen, wenn sie nicht mehr passt. Wenn Kinder mit zu kleiner oder nicht ausreichend warmer Kleidung in die Schule kommen, können sie  Mobbing und zusätzlichen Stress erleben. Winterhilfe bedeutet deshalb nicht nur, jemanden körperlich warm zu halten.  Sie bedeutet auch Würde und Schutz und hilft, einen Teil des zusätzlichen Drucks zu verringern, unter dem Kinder und Familien ohnehin schon leben.

 

Wie verbindet ihr die unmittelbare Winterhilfe mit der längerfristigen Unterstützung der vom Krieg betroffenen Gemeinden?

Winterhilfe ist notwendigerweise eine unmittelbare Reaktion auf akute Bedürfnisse. Gleichzeitig ist sie auch Teil der längerfristigen Unterstützung für Gemeinden, die vom Krieg betroffen sind. Unser Winterhilfeprogramm wird während des gesamten Winters weiterlaufen, denn wir wissen, dass die Bedürfnisse nicht mit dem Eintreffen der ersten Kälte verschwinden werden. Wir wissen auch, dass sich die Situation sehr schnell verändern kann – insbesondere angesichts der schweren Schäden an der ukrainischen Energieinfrastruktur. Deshalb haben wir bereitsim Vorfeld ein erstes Paket an Winterhilfe vorbereitet. Damit wollen wir den Menschen eine bessere Möglichkeit geben, sich rechtzeitig auf die kalte Jahreszeit vorzubereiten. Ich hoffe, dass wir bei zusätzlichen Bedarfen auch weitere Ressourcen mobilisieren können, um die Menschen dabei zu unterstützen, gut durch den Winter zu kommen.

 

Was sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden Faktoren für eine erfolgreiche Winterhilfe in der Ukraine in diesem Jahr?

Für mich gibt es vier entscheidende Faktoren: gute Vorbereitung, eine enge Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen, ein sehr gutes Verständnis der Bedürfnisse der Menschen und eine starke Koordination innerhalb der humanitären Gemeinschaft. Wenn wir die Bedarfe kennen, frühzeitig planen, gut koordinieren und eng mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten, haben wir eine deutlich bessere Chance, die richtige Hilfe zur richtigen Zeit zu den richtigen Menschen zu bringen.

 

Gab es bei der vergangenen Winterhilfe eine Begegnung oder Geschichte, die Sie besonders bewegt hat?

Die Geschichte eines jungen Mannes namens Mykyta aus Mariupol hat mich tief bewegt. Im Jahr 2022, als Mariupol belagert wurde, war Mykyta 20 Jahre alt, sein jüngerer Bruder erst sechs. Die Familie versuchte, die Blockade zu überleben – unter Hunger, Kälte, Beschuss und mit kaum verfügbarem Wasser. Zeitweise mussten sich Mykyta, sein jüngerer Bruder, ihre Mutter und ihre Großmutter eine Flasche Wasser teilen. Als die Situation immer gefährlicher wurde, traf die Familie die schwierige Entscheidung, dass Mykyta die Stadt gemeinsam mit seinem kleinen Bruder zu Fuß verlassen sollte. Die Mutter blieb zurück, um sich um die Großmutter zu kümmern, die nicht laufen konnte und dauerhaft auf Hilfe angewiesen war. Die beiden Brüder verließen Mariupol mit fast  keinem Essen und machten sich zu Fuß auf den Weg in Sicherheit. Schließlich erreichten sie Berdiansk, wo sie vier Tage in einem Sportzentrum verbrachten, bevor sie ihre Reise fortsetzten und schließlich nach Kyjiw kamen. Heute trägt Mykyta die Verantwortung für seinen jüngeren Bruder und versucht trotz seiner sehr begrenzten finanziellen Möglichkeiten, für ihn zu sorgen. Im vergangenen Winter stellte unsere Partnerorganisation bei der Arbeit mit der Familie einen dringenden Bedarf an warmer Kleidung und anderen Dingen fest, die sie für den Winter benötigten. Deshalb erhielt die Familie im Rahmen unseres Winterhilfeprojekts finanzielle Unterstützung, um die notwendigen Dinge zu kaufen.  Als ich diesen jungen Mann beim Kauf der Winterkleidung sah, wurde mir klar, dass es bei unserer Hilfe eigentlich nicht nur um eine Jacke oder ein Paar Schuhe geht. Es geht darum, diesem mutigen jungen Mann Unterstützung zu geben  und ihm zu zeigen, dass er nicht allein ist in einer Welt, in der er viel zu früh erwachsen werden musste. Das ist es, was Winterhilfe für mich bedeutet.

 

Was möchten Sie Unterstützer*innen sowie Spender*innen über die Bedeutung der Winterhilfe in der Ukraine vermitteln?

Man kann einen Tag ohne Strom, Wasser und Heizung überstehen. Unter bestimmten Umständen vielleicht auch eine Woche oder sogar zwei. Aber wenn eisige Temperaturen, ständige Angriffe, Stress, schlaflose Nächte und die ständige Unsicherheit hinzukommen, erreichen Menschen irgendwann die Grenzen dessen, was sie bewältigen können. Besonders gefährdet sind Menschen, die diese Belastung nicht allein bewältigen können – insbesondere ältere Menschen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität und Menschen, die allein leben. Wir wollen autonome Heizsysteme und andere Formen der Unterstützung bereitstellen, damit Menschen in ihren Wohnungen oder in temporären Unterkünften bleiben und einen weiteren schwierigen Winter überstehen können. Es gibt auch eine weiterreichende humanitäre Dimension. Wenn die Lebensbedingungen unerträglich werden, könnten Menschen gezwungen sein, ihre Heimat zu verlassen, weil sie den Winter dort schlicht nicht überleben können. Winterhilfe bedeutet deshalb nicht nur Wärme. Sie bedeutet, Menschen dabei zu helfen, sicher zu bleiben, ihre Würde zu bewahren und in ihren Gemeinden bleiben zu können.

 

Welche Botschaft möchten Sie abschließend den Menschen mitgeben, die überlegen, die Winterhilfe in der Ukraine in diesem Jahr zu unterstützen?

Für Menschen außerhalb der Ukraine ist es möglicherweise schwer, sich vollständig vorzustellen, was es bedeutet, unter diesen Bedingungen einen weiteren Winter zu erleben. Große Teile der ukrainischen Energieinfrastruktur sind beschädigt. Wenn die Temperaturen sinken und weitere Angriffe oder notwendige Reparaturen das Stromnetz beeinträchtigen, können Städte stundenlang – und manchmal noch deutlich länger – ohne Strom, Wasser oder Heizung bleiben. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mitten im Winter in einer dunklen, eiskalten Wohnung im vierzehnten Stock. Der Aufzug funktioniert nicht. Es gibt keine Heizung. Sie können nicht einmal Wasser erhitzen. Für einen älteren Menschen, der allein lebt, für eine Familie mit kleinen Kindern oder für jemanden, der krank ist und sich nur schwer bewegen kann, kann das zu einer Frage des Überlebens werden. Wenn Sie die Winterhilfe unterstützen, finanzieren Sie vielleicht etwas so Einfaches wie eine warme Jacke, einen Heizlüfter oder Brennstoffbriketts. Das mögen kleine Dinge sein. Aber für eine Familie, ein Kind oder einen älteren Menschen können sie den entscheidenden Unterschied machen – zwischen einem Winter, den man allein und ohne ausreichende Mittel bewältigen muss, und der Möglichkeit, ihn zu überstehen. Wir können nicht genau wissen, was dieser Winter bringen wird. Aber wir können die Menschen darauf vorbereiten. Und genau das tun wir jetzt – solange noch Zeit dafür ist.

 

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