Die Zivilbevölkerung im Gazastreifen befindet sich seit den Angriffen der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 in einer anhaltenden humanitären Katastrophe. Obwohl die genauen Zahlen zu den Vertriebenen variieren, gehen Schätzungen davon aus, dass etwa 95 Prozent der rund 2,1 Millionen Einwohner innerhalb Gazas vertrieben sind. Gemeinsam mit der Partnerorganisation Palestinian Agricultural Development Association (PARC) haben wir zu Jahresbeginn ein Projekt gestartet, das Nothilfe leistet und Lebensgrundlagen im Agrarbereich aufbauen wird. Noha Al-Shareif, Koordinatorin für Advocacy und Lobbyarbeit von PARC in Gaza-Stadt, berichtet im Interview über die Projektarbeit und aktuelle Herausforderungen.
Frau Al-Shareif, das Projekt zielt darauf ab, Lebensgrundlagen wiederherzustellen. Wie sieht die lokale Lebensmittelproduktion in Gaza zurzeit aus?
Seit Oktober 2023 hat Gaza einen fast vollständigen Zusammenbruch seines Ernährungssystems erlebt. Die lokale Nahrungsmittelproduktion kann nicht einmal mehr die grundlegendsten Bedürfnisse decken. Schätzungen zufolge sind weniger als vier Prozent der landwirtschaftlichen Flächen noch nutzbar. Bewässerungssysteme, Brunnen und Gewächshäuser wurden zerstört, sodass Bauern nicht mehr arbeiten können. Die drei wichtigen Bereiche Viehzucht, Fischerei und Imkerei sind völlig zusammengebrochen.
Das Projekt liefert warme Mahlzeiten an notleidende Familien. Wie läuft die Hilfe konkret ab?
PARC betreibt keine permanenten Zentralküchen, sondern veröffentlicht Ausschreibungen für Küchen, die warme Mahlzeiten zubereiten und an unsere Projektstandorte liefern, wo das PARC-Team sie dann verteilt. Solche Küchen gibt es an verschiedenen Standorten, etwa in Khan Yunis, Rafah und Gaza-Stadt. Im Dezember haben wir mehr als 282.000 warme Mahlzeiten an über 1.000 Standorten in Khan Yunis und der Zentralprovinz an Vertriebene ausgegeben. Über warme Mahlzeiten hinaus verteilen unsere Teams auch Lebensmittelpakete, die beispielsweise Mehl, Reis, Hülsenfrüchte, Öl und Konserven enthalten. Der Umfang der Hilfe hängt davon ab, wie viele Nahrungsmittel vor Ort verfügbar sind. Bei Mangel sind wir gezwungen, die Rationen zu verringern, jedoch ohne Abstriche in der Qualität zu machen und ohne Menschen auszuschließen. Außerdem unterstützen wir den Aufbau von Hausgärten und helfen Bauern, auf zugänglichen Flächen die Produktion aufzunehmen. Wir wollen mit unserer Hilfe nicht nur den unmittelbaren Hunger lindern, sondern auch ein Mindestmaß an Ernährungssicherheit aufrechterhalten und die Familien stärken. Wir glauben, dass Investitionen in diese Bemühungen einer Gemeinschaft, deren Ernährungssystem fast vollständig zusammengebrochen ist, wieder Hoffnung geben.
Welche logistischen Herausforderungen gibt es bei der Trinkwasserversorgung?
Die Wasserinfrastruktur in Gaza ist durch den Krieg fast vollständig zerstört worden, so dass der Zugang zu sauberem Trinkwasser für die Menschen zu einem täglichen Kampf geworden ist. Dutzende von Brunnen, Pumpen und Leitungen sind außer Betrieb, während die Kraftstoffknappheit die Nutzung von Entsalzungsanlagen und Tanklastwagen einschränkt. Darüber hinaus machen die vom israelischen Militär auferlegten Beschränkungen für die Einfuhr von Ausrüstung und Desinfektionsmitteln die Instandhaltung von Anlagen fast unmöglich. Derzeit liegt die durchschnittliche tägliche Verfügbarkeit an sauberem Trinkwasser bei nur drei bis sechs Litern pro Person und damit weit unter dem humanitären Minimum. Dieser Mangel verschärft Unterernährung und durch Schmutzwasser übertragene Krankheiten, insbesondere in überfüllten Notunterkünften. Kinder, schwangere Frauen und ältere Menschen sind dadurch am stärksten gefährdet. PARC führt eine Reihe von Notfallmaßnahmen durch, um die Trinkwasserversorgung in Camps und Vertriebenengebieten zu verbessern. Dazu gehören Lieferungen per Tanklastwagen, der Betrieb mobiler Entsalzungsanlagen, sofern Kraftstoff verfügbar ist, oder die Verteilung von Wasseraufbereitungstabletten. In Notunterkünften stellen wir auch temporäre Wassertanks bereit. Zudem bemühen wir uns konsequent darum, die lokalen Gemeinschaften in die Organisation der Verteilungen einzubeziehen. Dadurch stellen wir sicher, dass das Wasser wirklich bei den Menschen im Zielgebiet ankommt.
Wie wählt PARC die Familien für humanitäre Hilfe aus? Gibt es Herausforderungen und Konflikte?
Die schwierige Realität ist, dass verfügbare Hilfsgüter oftmals zu knapp sind und die Unterstützung nicht ausreicht, um die Bedürfnisse aller Vertriebenen zu decken. Das kann manchmal zu Streitigkeiten zwischen Familien führen und manche protestieren gegen die Streichung ihrer Namen aus den Listen. Unsere Teams
vor Ort stehen dann unter erheblichem Druck. Die Professionalität unserer Arbeit obliegt vielen technischen Grundsätzen und Begriffen, wie beispielsweise dem „Grad der Vulnerabilität“. Doch das bedeutet nicht, dass die Menschen vor Ort diese Konzepte immer verstehen oder akzeptieren können. So kann es zu sozialen Spannungen und Streitigkeiten zwischen Familien darüber kommen, wer mehr Hilfe bekommt als andere.
Wir nutzen verschiedene Instrumente, um Spannungen unter den Begünstigten abzumildern. Beispielsweise beteiligen wir lokale Komitees bei der Organisation der Hilfe, geben Auswahlkriterien transparent öffentlich bekannt und richten klare Beschwerdemechanismen wie etwa Hotlines und Boxen für Vorschläge und Feedback ein.
Wie sieht die persönliche Situation und der Alltag der Mitarbeitenden von PARC aus?
Wir helfen, sind aber gleichzeitig von derselben Katastrophe betroffen. Viele unserer Mitarbeitenden haben ihr Zuhause verloren und leben heute wie der Rest ihrer Gemeinschaft als Vertriebene. Unsere Teams arbeiten unter Notfallbedingungen, die oft zu langen Arbeitszeiten führen. Viele arbeiten bis spät in die Nacht, um Hilfsgüter vorzubereiten und die Verteilung an die Begünstigten zu organisieren. Die langen Arbeitszeiten gehen mit erheblichen Sicherheitsrisiken einher, die sie jederzeit in Gefahr bringen können. Neben dem Arbeitsdruck kommt noch die tägliche Krise hinzu, mit der unser Personal selbst konfrontiert sind. Sie leiden selbst unter Wassermangel und fehlenden Gütern zur Grundversorgung. Selbst wenn manche Dinge verfügbar sind, sind sie oft zu teuer. So werden sogar einfache persönliche Wünsche, wie eine Schachtel Zigaretten, zu unerreichbaren Träumen. Die Verantwortung vervielfacht sich noch, wenn Mitarbeitende Kinder oder ältere Menschen in ihren Familien versorgen müssen. Die Arbeit vor Ort mit den familiären Verpflichtungen in Einklang zu bringen, ist dann besonders schwer. Unsere Mitarbeiterinnen versorgen neben der Arbeit ihre Familienangehörigen, kochen mühselig mit Feuerholz und holen Wasser von weit entfernten Orten. Diese doppelte Arbeitsbelastung als Teil ihres Alltags erhöht sowohl die körperliche als auch die psychische Belastung. Die Mehrheit unserer Mitarbeitenden in Gaza leidet unter anhaltendem psychischem und sozialem Druck. Denn nicht nur die wirtschaftliche Not, sondern auch auf die tägliche Konfrontation mit dem Leid der Begünstigten, ihren Schmerzen und der extremen Armut wirken sich auf ihre psychische Gesundheit aus.