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Interview mit Dr. De-Joseph Kakisingi - „Ebola wird nicht in medizinischen Zentren und Krankenhäusern besiegt, sondern in den Gemeinden.“

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Dr. De-Joseph Kakisingi ist Gynäkologe und eine führende Persönlichkeit im Bereich der humanitären Hilfe aus der Demokratischen Republik Kongo. Er ist Mitbegründer und Landesdirektor von Santé et Développement (SAD), einer Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe, die durch Konflikte vertriebene Frauen und Kinder in Süd-Kivu unterstützt. Seit fast fünfzehn Jahren unterstützt Dr. Kakisingi vertriebene Bevölkerungsgruppen, Überlebende sexualisierter Gewalt sowie von Krisen betroffene Gemeinschaften. Er ist außerdem Präsident und Mitbegründer von CONAFOHD, dem Nationalen Rat der Foren humanitärer und Entwicklungs-NGOs. Dem Netzwerk gehören mehr als 600 lokale und nationale Akteure an. Kakisingi spielt derzeit zudem eine aktive Rolle in der politischen Interessenvertretung im Rahmen der Ebola-Bekämpfung und spricht im Interview über die Fehler und notwendigen Schritte, um die Epidemie einzudämmen.

Sie sind zu Besuch in Deutschland und haben Parlamentarier und Mitarbeitende des Auswärtigen Amts gesprochen, die mehr über den Ebola-Ausbruch und die Bekämpfung wissen wollten. Was war ihre Botschaft?

Ich habe ihnen die Perspektive eines lokalen Akteurs vermittelt und den Frust, der rund um das Thema Ebola existiert. Frustrierend ist, dass die finanzielle Hilfe von Ländern wie Deutschland fast ausschließlich an die WHO und andere UN-Organisationen gehen, obwohl deren Reaktion nicht effektiv, nicht schnell und auch nicht kosteneffizient ist. Dieser Ebola-Ausbruch ist in Bezug auf seine Schnelligkeit, sein Ausmaß und seine Dringlichkeit etwas Besonderes. Ebola wird nicht in medizinischen Zentren und Krankenhäusern besiegt, sondern in den Gemeinden.

Was meinen Sie damit?

Rund 40 Prozent der bisher mehr als 3000 Todesfälle wurden in Gesundheitszentren registriert. 60 Prozent sterben hingegen außerhalb solcher medizinischen Einrichtungen. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass nur rund ein Viertel der Todesfälle in den Gemeinden als Ebola-Fälle registriert und nachverfolgt werden. Heißt: drei Viertel der Ebola-Toten in den Gemeinden werden nicht nachverfolgt, um Kontaktketten zu identifizieren und zu isolieren. Niemand kümmert sich um all diese Menschen, die offensichtlich Kontakt hatten und sich frei bewegen, um auf den Markt zu gehen, Arbeit zu suchen oder die nächste Mahlzeit zu beschaffen. Eine Ausbreitung kann so nicht gestoppt werden. Ein Grund dafür sind auch die gekürzten finanziellen Mittel. USAID hatte rund 70 Prozent des Gesundheitswesens finanziert. Der Wegfall hat eine enorme Lücke gerissen. Gerade bei der jetzigen Ebola-Bekämpfung müssen wir über herkömmliche Ansätze hinausgehen werden und auch lokale Akteure, die im Zentrum der Ebola-Epidemie arbeiten, besser finanziert werden.

Was bedeutet diese Unterfinanzierung für die allgemeine Gesundheitsversorgung?

Für mich ist es eine biologische Zeitbombe, denn es gibt noch viele andere Risiken, die gerade wenig Beachtung finden, weil die Aufmerksamkeit auf Ebola liegt. Cholera, Malaria, Mpox und andere Krankheiten kommen in denselben Regionen ebenfalls vor und die Fälle häufen sich. Schwangere Frauen sterben häufiger, weil sie nicht mehr bei der Geburt angemessen medizinisch begleitet werden können. Das ist besorgniserregend. Bei den aktuellen Testimpfstoffen gegen den Ebola-Stamm, als auch den Behandlungen, handelt es sich um Studien. Es ist noch zu früh, um von irgendwelchen Erfolgen zu sprechen. Die Fallzahlen steigen täglich weiter an.

Hinzu kommt, dass weite Teile der Region nicht von der Regierung, sondern von Rebellen kontrolliert werden und Konfliktgebiet sind. Gerade deshalb braucht man lokale Akteure in diesen Gebieten, um den Zugang auf lokaler Ebene auszuhandeln. Humanitäre Diplomatie durch lokale Hilfsorganisationen kann deshalb erfolgreich sein, weil auch bewaffnete Gruppen wollen, dass wir unsere Arbeit machen. Denn auch sie wollen nicht, dass sich die Lage in ihren Gebieten verschlechtert. 

Wie geht die Zentralregierung in Kinshasa damit um?

Wir haben immer gesagt: Ihr kontrolliert das Gebiet zwar nicht, aber es ist eure Bevölkerung und eure Verantwortung. Vor rund drei Wochen hatte ich als Repräsentant von CONAFOHD ein Treffen in Kinshasa mit der Ministerin für Soziales und humanitäre Angelegenheiten, und sie sagte mir, dass sie finanzielle Mittel für die Hilfsmaßnahmen in Bukavu, Beni und in den besetzten Gebieten haben, als Regierung aber keinen Zugang hätten. Heute leiten sie tatsächlich einen Teil dieser staatlichen Mittel an Mitgliedsorganisationen von uns weiter, damit diese die Hilfsmaßnahmen durchführen können. Wir können diese Rolle als neutrale lokale Akteure annehmen und humanitäre Hilfe leisten.

Den bewaffneten Konflikt im Osten der DR Kongo begleiten seit vielen Jahren unzählige Fälle sexualisierter Gewalt, die vor allem Frauen und Mädchen betrifft. Wie hat sich deren Lage geändert? Gibt es ausreichend Ressourcen für präventive Maßnahmen oder um Betroffene zu behandeln?

Früher gab es immerhin etablierte Meldewege, um zum Beispiel von Hilfsorganisationen unterstützt zu werden und über die man auf einen Fall aufmerksam machen konnte. Jetzt mit der M23 ist es wirklich kompliziert geworden, da die Frau den Täter identifizieren und auch Beweise für die Tat erbringen muss. Dadurch haben sich unsere Möglichkeiten wirklich verringert. Und ich glaube, die Projekte, die derzeit versuchen, Schutz zu bieten, sprechen nicht mehr offen über geschlechtsspezifische Gewalt. Man kann das Problem nicht mehr beim Namen nennen.

Wenn die Entwicklung in der DR Kongo mit Blick auf Ebola und den Konflikt so bleibt, wie sie ist: Wo steht das Land zum Jahresende?

Die Sicherheitslage wird kompliziert bleiben. Die Gewalt nimmt zu, weil es Dutzende bewaffnete Gruppen gibt. Auch die finanzielle Lage in den Rebellengebieten ist schwierig. Banken sind immer noch geschlossen, daher ist der Zugang zu Bargeld eingeschränkt. Es gibt kaum noch wirtschaftliche Aktivität, da Unternehmen aufgrund der Sicherheitslage geschlossen haben. Es kommt zu zunehmender Unterernährung, was sich zum Ende des Jahres noch verschlimmern wird.

Was Ebola betrifft, werden die Zahlen weiter rasch steigen. Es gibt ein echtes Koordinationsproblem bei der Ebola-Bekämpfung, weil übereinander gesprochen wird, aber zu wenig miteinander. Dem zuständigen Ebola-Koordinator gelingt es bisher nicht, all die verschiedenen Akteure zusammenzubringen, um eine ganzheitliche Sichtweise und Reaktion zu erreichen. Was einen koordinierten Ansatz angeht, ist die Situation also wirklich katastrophal. So wird auch die Lage zum Jahresende sein, wenn das nicht gelöst wird.

Interview und Redaktion Andressa Timm Bauer, Tommy Ramm

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