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Interview mit Fluthilfekoordinator Markus Koth

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Markus Koth arbeitet seit 2023 als Fluthilfe-Koordinator für die Diakonie Katstrophenhilfe. Fünf Jahre nach der Katastrophe im Ahrtal zieht er im Interview eine Bilanz. Koth macht außerdem deutlich, wie wichtig die Präventionsarbeit ist und wo Kirche und Diakonie als Teil der Zivilgesellschaft wichtige Impulse geben können.

Markus Koth, Fluthilfe-Koordinator für die Diakonie Katstrophenhilfe

Lieber Markus Koth, wie ist die Lage fünf Jahre nach der Flut im Ahrtal?

Rein äußerlich sieht es an den meisten Stellen im Hochwassergebiet von 2021 wieder recht gut aus. Sogar im Ahrtal fährt seit diesem Jahr wieder die Bahn und man freut sich vor Ort nun über die Rückkehr der Tourist*innen – da wurde von öffentlicher Hand viel Arbeit geleistet. Bei den Privathaushalten sieht es ähnlich aus, auch wenn bislang leider nicht alle in der Lage waren, ihre Häuser wieder aufzubauen. Das kann daran liegen, dass es Probleme mit Versicherungen oder den komplexen Prozessen der staatlichen Wiederaufbauhilfe gab. Gründe können aber auch eine persönliche Überforderung sein bzw. eine Ermüdung nach Jahren des Aufbaus. Doch auch wenn es äußerlich vielerorts wieder gut aussieht, sind die inneren Verletzungen der Menschen noch lange nicht überall verheilt. 

Viele Betroffene sind traumatisiert, brauchen noch stets Unterstützung und haben das Erlebte bis heute kaum verarbeitet. Und das wird auch weiterhin Zeit brauchen. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass die Menschen nach fünf Jahren nun wieder nach vorne schauen wollen und nach vorne richtet sich auch der Blick der Diakonie Katastrophenhilfe.

 

Wie hat die Zusammenarbeit mit den diakonischen Werken geklappt? Wie konnte bislang geholfen werden?

Die Zusammenarbeit mit Landesverband Rheinland Westfalen Lippe läuft nach wie vor hervorragend und die Kombination von sozialarbeiterischen Ansätzen und den Arbeitsweisen der humanitären Hilfe war sehr erfolgreich. So konnten z.B. durch die aufsuchende Hilfe unserer ehemals zehn lokalen Teams im gesamten Hochwassergebiet fast 20 Mio. EUR an Haushaltsbeihilfe und Wiederaufbauhilfe an tausende Haushalte ausgezahlt werden. Dazu wurden zehntausende Menschen zu Hilfen beraten und erhielten psycho-soziale Unterstützung. Ein großartiger Erfolg, auf den alle Beteiligten stolz sein können! Die hohe Qualität der Arbeit wurde uns übrigens auch im Rahmen einer externen Evaluierung bestätigt, worüber wir uns sehr gefreut haben.

 

Du bist seit 2022 der Fluthilfe-Koordinator im Rheinland. Was sind deine Aufgaben?

Mein Aufgaben haben sich ebenso wie unsere Programmausrichtung in den vergangenen Jahren ein wenig gewandelt. Ging es zu Beginn darum zu schauen, dass die Arbeit gut ans laufen kam, die Teams vor Ort fachlich und inhaltlich unterstützt wurden und die humanitären Standards eingehalten wurden, so richtet sich der Blick nun eher auf die Prävention und auch die Positionierung von Diakonie Katastrophenhilfe und Diakonie mit Blick auf den Bevölkerungsschutz in Deutschland. 

Hier sieht man die Bevölkerung bislang leider primär als passive, zu warnende, evakuierende und zu versorgende Masse. Dem wollen wir unsere Konzepte entgegensetzen, denn aus unserer Sicht hat die Zivilgesellschaft viele Potentiale, die wir zur Stärkung der gesellschaftlichen Resilienz heben wollen. Zudem gilt es auch uns selbst besser auf zukünftige Katastrophen vorzubereiten – auf individueller Ebene, als Gemeinschaft, aber auch als Diakonie und Kirche. 

 

Wie kann die Prävention verbessert werden, um besser bei Katastrophen gewappnet zu sein?

Als Gesellschaft sind wir dann besser geschützt, wenn wir zuallererst uns selbst besser vorbereiten, indem wir z.B. Lebensmittelvorräte anlegen und unseren Notfallrucksack packen – dazu gibt es übrigens mittlerweile ein tolles Tool auf der Homepage der Diakonie Katstrophenhilfe. Bitte gerne ausprobieren! Zudem ist es zu allererst wichtig, dass wir aufeinander aufpassen. 

Dieses Miteinander fördern wir im Rahmen eines Quartiersprojektes, bei dem die Stärkung der sozialen Kohäsion von Hochwasser betroffener Gebiete einhergeht mit Maßnahmen der Katastrophenvorsorge. Konkret wollen wir diese Ansätze nun ausbauen und sogenannte Katastrophenschutz-Anlaufstellen aufbauen. Das sind zivilgesellschaftlich getragene Anlaufpunkte, an die sich die Menschen im Katastrophenfall wenden können, wo sie in Sicherheit sind, Zugang zu Strom haben, mit Lebensmitteln versorgt werden und wo man ihnen zuhört und ihre Sorgen ernstnimmt. 

Ähnliche Projekte haben wir seinerzeit auch in den Philippinen gefördert, einem Land, von dem wir in puncto Katastrophenvorsorge viel lernen können! Dort ist man jedes Jahr verschiedenen Katastrophen ausgesetzt und die Menschen kennen die Risiken und wissen sich entsprechend zu verhalten. 

In Deutschland unterliegen wir noch immer dem Irrglauben, dass wir sicher sind und uns schon nichts passiert. Und wenn, dann hilft uns schon der Staat. Aber das funktioniert in Zeiten der fortschreitenden Klimakrise und wachsender außenpolitischer Bedrohungen leider nicht mehr. Da bedarf es dringend eines Mentalitätswechsels.

 

Du erwähntest eben, dass auch Kirche und Diakonie sich besser vorbereiten können auf Katastrophen, wie könnte das aussehen?

Mit den diakonischen Landesverbänden Rheinland Westfalen Lippe und Württemberg haben wir in diesem Jahr zwei sogenannte Resilienz-Stärkungsprojekte gestartet. Dabei geht es u.a. darum zu schauen, welchen Risiken die Landesverbände selbst, aber auch diakonische Werke wie z.B. in Köln und Stuttgart, sowie auch deren Einrichtungen ausgesetzt sind. Intensive Risikoanalysen sollen dabei auf allen Ebenen durchgeführt werden und klare Handlungsempfehlungen daraus resultieren. Ziel ist die Diakonie im Krisen- und Katastrophenfall so gut wie möglich vorzubereiten, damit sie in der Lage ist, ihre Arbeit fortzusetzen und sich um die ihr anvertrauten Menschen zu kümmern. 

Weiter sind wir mit der Bundesakademie für Bevölkerungs- und Zivilschutz in engem Austausch, um zu erreichen, dass diese die Mitarbeitenden der Diakonie zu relevanten Inhalten im Katastrophenschutz ausbildet. 

Auch mit der Kirche sind wir vor Ort im Austausch. Da gibt es schon die ersten Kirchengemeinden, die zur Katastrophenschutz-Anlaufstelle werden möchten, worüber ich mich sehr freue, da dies ein erster wichtiger Schritt ist. 

Noch einfacher wäre zudem aktuell, wenn die Kirchen bei Hitze ihre Pforten öffnen und den Menschen so die Möglichkeit geben, sich ein wenig abzukühlen. Dazu noch ein Glas Wasser und ein kleiner, aber sehr wichtiger Beitrag zur Katastrophenvorsorge wäre geliefert.

 

 

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