Zahl der Kämpfer unter Waffen verdoppelt / Rekrutierung von Jugendlichen steigt
Kolumbien: Mehr Gewalt, weniger Hilfe
Die Präsidentschaftswahlen in Kolumbien am kommenden Sonntag sind ein Gradmesser für die Friedenspolitik der scheidenden Regierung. Die Zahlen sprechen aus humanitärer Sicht eine klare Sprache: Vertreibungen, Gewalt und Übergriffe durch bewaffnete Gruppen steigen seit Jahren wieder an. Vielerorts können Daten durch fehlenden humanitären Zugang und finanzielle Kürzungen nicht mehr verlässlich erhoben werden. „Die Präsenz humanitärer Akteure geht zurück. Die blinden Flecken nehmen zu und das gesamte Ausmaß der humanitären Krise in Kolumbien ist immer schwerer zu erfassen. Das verzerrt die Sicht auf die Realität“, kritisiert Marino Jansen, Landesbüroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in Kolumbien, die Entwicklung.
Die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt in Kolumbien war mit dem Friedensschluss zwischen Regierung und FARC-Guerilla 2016 groß. Zehn Jahre später ist sie verschwunden. Splittergruppen der einstigen Rebellengruppe haben sich neu bewaffnet. Seit 2021 verdoppelte sich die Zahl der Bewaffneten auf mehr als 25.000. Die nichtstaatlichen Gruppen sind in rund drei Viertel aller Bezirke des Landes aktiv. „Wir erleben eine Atomisierung des Konflikts mit unzähligen neuen Gruppen, die sich bewaffnen und gewaltsam ihre Einflussgebiete ausdehnen. Ganze Gemeinden werden dabei von der Außenwelt abgeriegelt“, sagt Jansen. Fast zehn Millionen Kolumbianer*innen leben unter der teilweisen oder vollständigen Kontrolle bewaffneter Gruppen.
Laut UN-Angaben waren im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Menschen vom bewaffneten Konflikt und der Gewalt direkt betroffen – vier Mal mehr als noch im Jahr 2024. Fast 340.000 Menschen in Konfliktzonen erhielten keine oder nur verzögert humanitäre Hilfe, weil Organisationen der Zugang verwehrt wurde. „Massive Vertreibungen waren und bleiben ein Problem, aber heute kommt hinzu, dass viele Betroffene gar keinen Schutz mehr suchen können, weil sie eingekesselt sind. Das setzt sie einer ständigen Gefahr aus“, so Jansen.
Besonders alarmierend ist die hohe Zahl von rekrutierten Kindern und Jugendlichen in Kolumbien. 2025 gab es offiziell 257 Fälle, doch die Dunkelziffer liegt laut Benposta, einer Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe, deutlich höher. Rund 9.500 Kinder und Jugendliche seien laut der Kinderschutzorganisation 2025 landesweit an Schulen in Berührung mit dem Konflikt oder bewaffneten Gruppen gekommen. Viele Jugendliche müssten laut Benposta heute nicht mehr gewaltsam gezwungen werden, den Gruppen beizutreten. Es reiche schon, sie mit Geld oder anderen Anreizen zu überzeugen.
Umso schwieriger ist es, sie aus den Gruppen wieder herauszuholen. „Früher agierten die Rebellengruppen ideologischer und haben akzeptiert, dass Kinder zunächst in der Schule etwas lernen müssten. Das hatte sie von einer Zwangsrekrutierung abgehalten. Heute funktioniert dieses Argument nicht mehr“, sagt ein Mitarbeiter von Benposta aus dem Departement Guaviare. Dort arbeitet die Organisation an elf Schulen, wo sie akut gefährdete Jugendliche identifiziert und evakuiert, bevor es zu spät ist. Hunderte Jugendliche konnten so in den vergangenen Jahren mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union vor dem völkerrechtswidrigen Verhalten der bewaffneten Gruppen geschützt werden.
„Viele Kinder werden in diesem Konflikt getötet oder sie töten“, sagt Marino Jansen, und warnt vor einer Normalisierung dieser Tendenz. „Während wir in Kolumbien erneut steigende Opferzahlen und zunehmende Verletzungen des humanitären Völkerrechts registrieren, ist die Finanzierung der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit für Kolumbien in den vergangenen Jahren um rund 40 Prozent zurückgegangen. Hilf- und Perspektivlosigkeit sind Hauptgründe dafür, dass Kinder und Jugendliche in die Hände bewaffneter Gruppen getrieben werden. Internationale Unterstützung kann das abfedern“, sagt Jansen.
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