Auch der kommende Winter wird voraussichtlich wieder extreme Temperaturen und viel Schnee in der Ukraine bringen – eine Herausforderung für die Menschen, die seit fünf Jahren im Krieg leben. Russland zerstört mit gezielten Angriffen die Infrastruktur zur Energie-, Strom- und Wasserversorgung. Viele Menschen in der Ukraine blicken dem Winter mit seinen eisigen Temperaturen deswegen besonders sorgenvoll entgegen. Andrij Waskowycz, Büroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in Kyjiw berichtet, wie die Diakonie Katastrophenhilfe sich mit lokalen Partnern bereits auf den Winter vorbereitet und wie Ihre Spenden dabei helfen.
Lieber Herr Waskowycz, vor welchen Herausforderungen stehen die Menschen in der Ukraine mit Blick auf den kommenden Winter?
Der vergangene Winter hat uns gezeigt, wie verletzlich Menschen werden können, wenn extreme Kälte zu all den anderen Belastungen hinzukommt, mit denen sie ohnehin schon leben müssen. Wir haben extrem niedrige Temperaturen erlebt, während Drohnen- und Raketenangriffe weiterhin die zivile und energetische Infrastruktur beschädigten. Ganze Stadtviertel und Gemeinden waren ohne Strom, Heizung und Wasser – manchmal nicht nur für einige Tage, sondern noch viel länger. Die Menschen in der Ukraine machen sich große Sorgen, was diesen Winter passieren wird: Wird Strom verfügbar sein? Können sie heizen? Werden die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern bleiben können?
Was haben Sie aus der Winterhilfe des vergangenen Winters gelernt?
Wir waren nicht darauf vorbereitet, wie kritisch sich die Situation entwickeln würde. Wir hatten schlichtweg nicht mit derart weitreichenden Schäden an der Energieinfrastruktur gerechnet. Dank des Nothilfepakets für die Winterhilfe von Diakonie Katastrophenhilfe und der engen Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen konnten wir zum Glück dennoch reagieren. Die wichtigste Erkenntnis aber ist: Wir müssen uns auf den Winter vorbereiten, lange bevor er beginnt. Deshalb haben wir in diesem Jahr deutlich früher mit den Vorbereitungen begonnen.
Gab es im letzten Winter eine Begegnung, die Sie besonders bewegt hat?
Oh ja, die Geschichte eines jungen Mannes namens Mykyta aus Mariupol. Im Jahr 2022, als Mariupol belagert wurde, war Mykyta 20 Jahre alt, sein jüngerer Bruder erst sechs. Die Familie versuchte, die Blockade zu überleben – unter Hunger, Kälte, Beschuss und quasi ohne Trinkwasser. Zeitweise mussten sich Mykyta, sein jüngerer Bruder, ihre Mutter und ihre Großmutter eine Flasche Wasser teilen. Schließlich traf die Familie die schwierige Entscheidung, dass Mykyta die Stadt gemeinsam mit seinem kleinen Bruder verlassen sollte. Die Mutter blieb zurück, um sich um die Großmutter zu kümmern, die ohne Hilfe nicht zurecht kommt. Die beiden Brüder verließen Mariupol zu Fuß und fast ohne Essen. Heute leben sie in Kijw und Mykyta versucht, trotz seiner sehr begrenzten finanziellen Möglichkeiten, für sich und seinen kleinen Bruder zu sorgen. Wir unterstützten die beiden im letzten Jahr, damit sie sich Winterkleidung kaufen konnten. Als ich ihnen beim Kauf der Winterkleidung zusah, wurde mir klar, dass es bei unserer Hilfe eigentlich nicht nur um eine Jacke oder ein Paar Schuhe geht. Es geht darum, diesem mutigen jungen Mann Unterstützung zu geben und ihm zu zeigen, dass er nicht allein ist in einer Welt, in der er viel zu früh erwachsen werden musste.
Was genau umfasst Ihre Winterhilfe dieses Jahr?
Die frühzeitige Vorbereitung macht einen großen Unterschied bei Hilfsmaßnahmen: Die benötigten Heizgeräte und Brennstoffe sind aktuell verfügbar und weil die Preise im Sommer niedriger waren, konnten wir größere Mengen für das gleiche Geld einkaufen. Wir unterstützen kritische Infrastruktur und besonders schutzbedürftige Haushalte mit autonomen Heizlösungen, mobilen Heizkesselanlagen und individueller Heizausrüstung. Außerdem helfen wir Familien, die besonders auf Unterstützung angewiesen sind, mit Holz oder Kohle. Wir verteilen an diese Familien auch Geld für passende warme Kleidung und Winterschuhe. All diese Maßnahmen sind Teil des ersten Hilfspakets, unser Winterhilfeprogramm wird natürlich während des gesamten Winters weiterlaufen. Wir wissen, dass sich die Situation sehr schnell verändern kann – insbesondere angesichts der schweren Schäden an der ukrainischen Energieinfrastruktur.