Sohely Subero ist die Generaldirektorin von AVESSOC (Asociación Venezolana de Servicios de Salud de Orientación Cristiana). Im Interview erklärt sie, wie sich die Folgen der Erdbeben im Juni 2026 mit der bereits bestehenden Krise in Venezuela überschnitten haben.
Venezuela befand sich bereits vor den Erdbeben in einer wirtschaftlichen Krise. Wie hat sich diese Situation auf die Hilfsmaßnahmen ausgewirkt?
Für viele Familien stellten die Erdbeben keine isolierte neue Krise dar, sondern eine zusätzliche Notsituation. Dadurch verschärften sich die Defizite bei der Gesundheitsversorgung und psychosozialer Unterstützung sowie die Schwierigkeiten beim Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Wasser, Bildung und Schutz sowie bei der Sicherung des Lebensunterhalts.
Das Erdbeben, das sich im August in Kolumbien ereignete, hat gezeigt, dass die Region wiederholt von Erdbeben betroffen sein kann. Wie bereitet sich Ihre Organisation darauf vor, auf sich überschneidende Krisen zu reagieren?
Bei AVESSOC arbeiten wir daran, uns angeschlossene Gesundheitseinrichtungen zu stärken. Dazu gehören die Entwicklung von Notfallplänen, die Ausbildung lokaler Fachkräfte, die Stärkung von Koordinierungsmechanismen und die frühzeitige Identifizierung besonders gefährdeter Gemeinschaften.
Gute Vorbereitung kann die Auswirkungen einer Katastrophe nicht verhindern, ermöglicht es aber, schneller zu reagieren, Leben zu schützen und die Folgen für die am stärksten betroffenen Menschen zu verringern. Die Erfahrungen zeigen, dass Investitionen in lokale Akteure und in die Widerstandsfähigkeit von Gemeinschaften ebenso wichtig sind wie die unmittelbare Nothilfe.
Wie stellen Sie sicher, dass die Hilfe dort ankommt und Wirkung erzielt, wo sie am dringendsten benötigt wird?
Unsere Priorität ist es, den betroffenen Gemeinschaften zuzuhören und unsere Entscheidungen auf der Grundlage von Fakten und Erkenntnissen zu treffen. Die Maßnahmen beginnen mit schnellen Bedarfserhebungen vor Ort, in Zusammenarbeit mit Gemeindevorstehenden, Gesundheitseinrichtungen, lokalen Behörden und anderen humanitären Akteuren.
Anschließend nutzen wir Monitoring- und Follow-up-Mechanismen, um zu überprüfen, ob die Hilfe diejenigen erreicht, die sie am dringendsten benötigen, und ob neue Bedürfnisse entstanden sind. So können wir unsere Maßnahmen kontinuierlich anpassen und sicherstellen, dass die verfügbaren Ressourcen größtmögliche Wirkung erzielen.
Die Erfahrungen haben gezeigt, dass lokale Organisationen häufig als Erste reagieren, den Kontext am besten kennen und die Gemeinschaften noch lange nach Abschluss der ersten Nothilfephase begleiten.
Wie viele Menschen konnten Sie unterstützen und welche konkrete Hilfe haben sie erhalten? Was waren die wichtigsten Interventionsbereiche?
In den ersten Monaten nach den Erdbeben konzentrierte AVESSOC seine Hilfe vor allem auf die Bundesstaaten La Guaira und den Hauptstadtbezirk Distrito Capital. Dort konnte die Organisation mehr als 4.000 Menschen unterstützen, die von der Notsituation betroffen waren.
Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten die medizinische Grundversorgung, ärztliche Sprechstunden, psychosoziale Unterstützung und psychologische Betreuung, die Verteilung wichtiger Medikamente, Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sowie die Stärkung von Partner-Gesundheitseinrichtungen, um die kontinuierliche medizinische Versorgung in den betroffenen Gemeinschaften sicherzustellen.
Die Hilfe wurde in enger Abstimmung mit Gemeinschaftsorganisationen, Gesundheitseinrichtungen des AVESSOC- Netzwerks und humanitären Partnern geleistet. Ziel war auch, zur frühzeitigen Bewältigung und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der betroffenen Gemeinschaften beizutragen.
Was sind die größten Herausforderungen gut zwei Monate nach den Erdbeben?
Obwohl die akute Phase der Notsituation inzwischen überwunden ist, sind die Bedürfnisse weiterhin erheblich. Viele Familien haben nach wie vor Schwierigkeiten, ihre Wohnungen, ihre Lebensgrundlagen und ihren regelmäßigen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wiederherzustellen.
Im Gesundheitsbereich fehlen weiterhin Medikamente. Die Gesundheitsinfrastruktur muss wiederhergestellt und gestärkt werden. Menschen mit chronischen Erkrankungen benötigen eine kontinuierliche medizinische Versorgung sowie Zugang zu spezialisierten Leistungen. Der humanitäre Bedarf in den Bereichen Gesundheit, Wasser, Sanitärversorgung, Hygiene und Schutz, insbesondere bei vertriebenen Menschen und besonders vulnerablen Gemeinschaften bleibt hoch.
Wir beobachten außerdem, dass die psychosoziale Unterstützung weiterhin notwendig ist, da viele Menschen noch immer mit den emotionalen und psychischen Folgen der Notsituation zu kämpfen haben. Die Erholung ist ein langfristiger Prozess, der eine kontinuierliche Begleitung und Investitionen in die Stärkung lokaler Kapazitäten erfordert.
Was würden Sie Menschen sagen, die darüber nachdenken, sich langfristig in der Region zu engagieren – über die derzeitige Nothilfe hinaus?
Ich würde ihnen sagen, dass die Bewältigung nicht endet, wenn die Schlagzeilen verschwinden. Gemeinschaften, die von einer Katastrophe betroffen sind, benötigen noch lange nach der ersten Nothilfephase Unterstützung.
Soforthilfe rettet Leben. Doch der eigentliche Wiederaufbau umfasst die Wiederherstellung von Gesundheitsdiensten, die Stärkung lokaler Kapazitäten, die Wiederherstellung von Lebensgrundlagen und die Unterstützung der Menschen dabei, ihr Leben wieder selbstbestimmt und in Würde aufzubauen.
Deshalb ist langfristiges Engagement von entscheidender Bedeutung. Jeder Beitrag ermöglicht es nicht nur, aktuelle Bedürfnisse zu decken, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaften gegenüber zukünftigen Krisen zu stärken. Die Unterstützung lokaler Organisationen und die Schaffung nachhaltiger Prozesse wirken und haben noch lange über das Ende der Nothilfe hinaus Bestand.
Zu den wichtigsten Maßnahmen von AVESSOC gehörten die medizinische Grundversorgung, ärztliche Sprechstunden, psychosoziale und psychologische Unterstützung, die Verteilung wichtiger Medikamente sowie Maßnahmen zur Gesundheitsförderung.
Das Interview führten Andressa Timm Bauer und Tommy Ramm.