Abdul Jalil Lone ist Berater für Katastrophenvorsorge und Klimawandelfolgen bei der Diakonie Katastrophenhilfe und war in der Vergangenheit in mehreren asiatischen Ländern, darunter auch Nepal, tätig. Im Interview berichtet er über die eingeschränkten Möglichkeiten, Sturzfluten zu verhindern. Stattdessen brauche es mehr Fortschritte bei der Katastrophenvorsorge, um humanitäre Katastrophen mit hohen Opferzahlen zu vermeiden.
Schlamm- und Gerölllawinen rissen binnen weniger Minuten Hunderte Menschen in Nepal und Tibet in den Tod. Lassen sich solche Katastrophen in engen Hochgebirgstälern überhaupt verhindern?
Sturzfluten lassen sich nicht immer verhindern, insbesondere in steilen Bergregionen, in denen sich Wasser, Eis, Gestein und Geröll mit enormer Geschwindigkeit bewegen können. Doch das Ausmaß der menschlichen Verluste wird nicht allein durch die Gefahr bestimmt. Gemeinden können durch Frühwarnungen, klare Entscheidungen zur Landnutzung, eine robustere Infrastruktur, zugängliche Notunterkünfte und im Voraus organisierte Hilfsmaßnahmen und Routen besser geschützt werden. Regelmäßige Übungen sind ebenfalls unerlässlich. Die Menschen sollten die Evakuierungsanweisungen nicht erst dann zum ersten Mal hören, wenn die Flut bereits im Anmarsch ist.
Die Sturzflut könnte Folge des fortschreitenden Klimawandels sein. War so etwas nicht vorhersehbar?
Es ist noch zu früh, um die genaue Ursache dieses Ereignisses zu bestimmen; dies erfordert eine wissenschaftliche Bewertung. Wir wissen jedoch bereits, dass steigende Temperaturen Gletscher, Schnee, Niederschläge und die Hangstabilität im gesamten Himalaya verändern. Vorsorgesysteme müssen darauf ausgelegt werden. Doch kein System wird jede Gefahr vorhersagen können. Daher muss es das praktische Ziel sein, sicherzustellen, dass Frühwarnungen rechtzeitig mehr Menschen erreichen, damit diese Maßnahmen ergreifen können. Das erhöht deren Chancen zu handeln.
Wie sehen solche Vorsorgemaßnahmen konkret aus?
Nepal hat Fortschritte bei der Katastrophenvorsorge gemacht. Das Hochwasser-Monitoring und -vorhersage haben sich verbessert. Warnungen werden nun per SMS, Radio, über soziale Medien, lokale Behörden und kommunale Netzwerke verbreitet. Die stärkste Veränderung hat sich auf Gemeindeebene vollzogen. Lokale Katastrophenschutzkomitees, geschulte Freiwillige, Evakuierungspläne und kommunale Frühwarnsysteme sind mittlerweile in vielen gefährdeten Gebieten vorhanden. In mehreren Flussgebieten ist das Monitoring flussaufwärts mit den Gemeinden flussabwärts vernetzt. Dies kann Familien wertvolle Zeit verschaffen, um sich an sicherere Orte zu begeben.
Die Vorsorge ist jedoch nach wie vor uneinheitlich und die größte Lücke ist die „letzte Meile“. Eine Familie erhält vielleicht eine Warnmeldung, verfügt aber über kein Transportmittel, keinen sicheren Evakuierungsweg oder keine zugängliche Notunterkunft. Ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Kinder und Familien in abgelegenen Siedlungen benötigen möglicherweise besondere Unterstützung. Frühwarnung muss als geschlossene Kette betrachtet werden. Wenn ein Teil dieser Kette versagt, kann die Warnung möglicherweise keine Leben retten. Inwieweit dies bei der aktuellen Katastrophe gegriffen oder versagt hat, muss ausgewertet werden.
Diese Sturzflut war verheerend für Nepal und ein Weckruf auf auch internationaler Ebene. Was muss im Bereich der Vorsorge geschehen?
Auf nationaler Ebene muss Nepal das Monitoring verschiedener Gefahren über seine Hauptflusssysteme hinaus ausweiten. Hochwasservorhersagen sollten mit dem Monitoring von Niederschlägen, Erdrutschen, instabilen Hängen, Gletscherseen und möglichen Flussblockaden verknüpft werden. Lokales Wissen sollte technische und satellitengestützte Informationen ergänzen. Nepal vollzieht bereits den Übergang von der Frühwarnung hin zu vorausschauendem Handeln, in dem kommunale Verwaltungen mit geschultem Personal, planbaren Budgets und klaren Abläufen eine zentrale Rolle spielen. Eine Vorhersage ist nur dann nützlich, wenn sie eine klare Entscheidung zum Handeln auslöst. Dazu gehört auch, Straßen, Brücken, Wasserkraftwerke, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Siedlungen nicht ohne Berücksichtigung aktueller und zukünftiger Gefahren zu planen. Schlecht geplante Infrastruktur erhöht die Gefährdung und schafft zusätzliche Risiken.
Auch international muss die Unterstützung für gefährdete Länder wie Nepal neu ausgerichtet werden. Finanzielle Mittel werden meist erst nach einer Katastrophe bereitgestellt. Vorsorge, Klimaanpassung und vorausschauendes Handeln erfordern aber eine längerfristige und flexiblere Finanzierung. Internationale Hilfe sollte Nepals Institutionen und bestehende kommunale Systeme stärken. Ebenso wichtig ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit beim Austausch von Daten und Warnungen. Flüsse, Gletscher und Wettersysteme machen nicht an Landesgrenzen Halt. Wir können damit vielleicht nicht jede Gefahr verhindern, aber wir können verhindern, dass daraus im Ernstfall eine humanitäre Katastrophe wird.
Das Interview führte Tommy Ramm, 31.08.2026