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Haiti 

La Vallée – 600 Häuser für Erdbebenopfer

Für Jens Sohr ist die Nacht spätestens um halb sieben vorbei: Laut brummend biegt der buntbemalte Truck auf den Hof des Büros der Diakonie Katastrophenhilfe in Bainet. Es ist ein Morgen in den Tropen, wie er schöner kaum sein könnte: Über der Bucht mit ihren Palmen geht die Sonne auf, die Fischer kehren mit ihrem Fang heim. Von Ferne ist der Gesang der Gläubigen beim Gottesdienst zu hören. Doch die Idylle trügt: Nach den vier schweren Hurrikans 2008 kam am 12. Januar 2010 das Erdbeben und zerstörte, was geblieben war: neben vielen Häusern auch die katholische Kirche. Geld für deren Wiederaufbau gibt es nicht. So trifft sich die Gemeinde jeden Morgen vor ihrem einstigen Gotteshaus unter einem Wellblechdach zum Beten. Zwei Jahre nach dem großen Beben haben sich die Menschen, so scheint es, mit der Situation arrangiert, ihre Häuser notdürftig repariert und sich in ihr Schicksal aus Armut, mangelnder Bildung und politischer Misswirtschaft gefügt. Industrie gibt es nicht, auch keine ausreichende Infrastruktur und somit keine Arbeit.

Auf dem Bauhof der Diakonie Katastrophenhilfe in Bainet stellen Arbeiter die Materialien für den Bau von 600 erdbeben- und hurrikansicheren Häusern in La Vallée her. Foto: Thomas Lohnes / Diakonie Katastrophenhilfe

Arbeiter bereiten den Hausbau vor, indem sie Hohlblocksteine pressen und Bewährungseisen zuschneiden. Foto: Thomas Lohnes / Diakonie Katastrophenhilfe

In der Schreinerei des Bauhofes werden Fenster und Türen hergestellt. Foto: Thomas Lohnes / Diakonie Katastrophenhilfe

Arbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe bauen in La Vallée eine neues Haus. Foto: Thomas Lohnes / Diakonie Katastrophenhilfe

Bauingenieur Jens Sohr von der Diakonie Katastrophenhilfe kontrolliert die Dachkonstruktion eines Neubaus. Foto: Thomas Lohnes / Diakonie Katastrophenhilfe

Ein Erdbebenopfer steht vor seinem neuen Haus. Foto: Thomas Lohnes / Diakonie Katastrophenhilfe

Im Bauhof der Diakonie Katastrophenhilfe werden die Baumaterialen gelagert, Hohlblocksteine sowie die Dachkonstruktion und die Fensterrahmen hergestellt. Foto: Thomas Lohnes / Diakonie Katastrophenhilfe

Größter Arbeitgeber der Region

Doch auf dem Hof von Jens Sohr weht ein anderer Wind. Von Resignation ist nichts zu spüren. 40 Arbeiter beginnen mit ihrem Tagewerk, greifen zu Schaufel, Bolzenschneider und Säge. Der Bauingenieur aus dem Erzgebirge, der seit Mai 2010 bei der Diakonie Katastrophenhilfe in Bainet das Sagen hat, hat seine Leute im Griff: Sand wird gesiebt, Beton gemischt, Hohlblocksteine gegossen, Bewehrungsstahl auf Länge geschnitten, Türen und Fenster gezimmert – alles von Hand, nur mit Muskelkraft, ohne Maschinen. Auch die Ladefläche des Lastwagens hat sich mit Arbeitern gefüllt. Eineinhalb Stunden geht die Fahrt über holprige Piste ins höher gelegene La Vallée.

Wiederaufbau bietet Chancen

Etwa 30.000 Menschen leben weit verstreut in der bergigen Gemeinde. Zwischen Bananenstauden und grünem Buschwerk sind in der Morgensonne immer wieder Wellblechdächer glitzernd zu sehen. 600 neue Häuser sollen dort innerhalb eines Jahres in Zusammenarbeit mit dem Kanadischen Roten Kreuz entstehen. Ein Mammutprojekt. Jens Sohr berichtet: "Wir sind der größte Arbeitgeber in der Region. 640 Leute sind bei uns in Lohn und Brot. Für die Menschen hier ist das eine Chance, Geld zu verdienen und ihre Fertigkeiten zu verbessern." Immer wieder stoppt der Truck an der Straße und Arbeiter machen sich zu Fuß auf schmalen Pfaden auf den Weg zu einer der Baustellen.

Erdbeben- und hurrikanresistente Häuser

"Mwen kontau aupil - ich bin sehr glücklich über das neue Haus!" Marie Delphine Hypolite lächelt dankbar und schaut zufrieden auf die Bauarbeiter, unter deren Händen mit Hochdruck ihr neues Zuhause entsteht. Schmuck sieht es aus: 25 Quadratmeter groß mit zwei Türen und zwei Fenstern. Gerade verputzen zwei Arbeiter die Wände, zwei weitere schlagen den Dachstuhl auf, andere sieben den Sand für den Putz. Noch schläft die genügsame ältere Dame mit der Brille und dem sorgsam gebundenen Spitzenkopftuch gemeinsam mit ihrem Mann und den acht Kindern in ihrem beschädigten Haus nebenan.

Robuste Unterkünfte für Familien

Zwei Betten haben sie, das muss reichen, mehr können sie sich nicht leisten. Doch nicht nur deshalb sind die Nächte unruhig. Marie Delphine berichtet: "Wir haben Angst, denn das Haus ist seit dem Erdbeben nicht mehr stabil. Die Wände wackeln." Diese Sorgen gehören zum Glück bald der Vergangenheit an. Jens Sohr ist in seinem Element: "Alle 600 Häuser entsprechen der US-Norm und der karibischen Norm für erdbeben- und hurrikanresistentes Bauen". Lange tüftelte er zusammen mit einem Statiker an der bestmöglichen Lösung. "Das Fundament, die vier Eckpfeiler und die Wände sind mit viel Stahlbeton verstärkt und fest mit dem Dach verbunden. Für den Dachstuhl nehmen wir besonders dicke Holzlatten und Nägel. Zusätzlich sichern wir die Verbindungen mit Metallwinkeln, die speziell für hurrikangefährdete Regionen entwickelt wurden." Das ist wichtig, denn im Juni beginnt die nächste Hurrikansaison. Dann könnte der nächste Wirbelsturm Haiti treffen.

"Ein Geschenk Gottes"

Ein paar Minuten weiter steht Miguel Bastien in der Tür seines neuen Hauses. Vor drei Tagen erst ist er eingezogen. Nebenan sieht man noch die baufälligen Überreste seines früheren Zuhauses. Der fast zahnlose ältere Mann, der sich nicht mehr an sein Alter erinnern kann, begrüßt Sohr und seine Mitarbeiter freundlich. Auch er ist glücklich über die Hilfe. "Map di ou mesi - ich danke euch für dieses Haus", meint er auf der haitianischen Kreolsprache. "Es ist sehr, sehr gut. Mir gefällt alles daran. Ich bin so froh, denn ich hätte es mir nie selbst bauen können. Vielen Dank. Es ist ein Geschenk Gottes."

Häuser für Arme und Familien

Die Erdbebenopfer, die neue Häuser erhalten, sind sorgfältig ausgewählt. In der Regel sind es die Ärmsten der Armen, die sich nicht aus eigener Kraft helfen können: Alte Menschen, Behinderte, Alleinerziehende, kinderreiche Familien. Doch sie bekommen ihre Häuser nicht "einfach so", sondern müssen selbst zum Bau beitragen. Etwa indem sie Steine für das Fundament zur Verfügung stellen, Wasser vom Brunnen zur Baustelle bringen oder helfen, das Baumaterial die letzten hundert Meter von der Piste zu ihren Häusern zu tragen. Das Gefühl, gebraucht zu werden und durch die eigene Arbeit etwas bewirken zu können, ist wichtig. Bei den Dachbalken haben die Bauarbeiter vergessen, ein paar der Nägel umzuschlagen. Jens Sohr zeigt Miguel Bastien, wie er die Arbeit mit ein paar Handgriffen zu Ende bringt. Der alte Mann nickt fachmännisch. Glücklich lächelnd winkt er den Mitarbeitern der Diakonie Katastrophenhilfe zum Abschied nach.

Das Ziel: 600 neue Häuser bis zur Hurrikansaison

Der Bauingenieur und seine Mitarbeiter fahren zum Büro in La Vallée und besprechen dort den Projektfortschritt. Die Zeit drängt, knapp 200 Häuser sind bereits fertiggestellt, die restlichen 400 sollen möglichst noch vor der Hurrikansaison fertig sein. Es dämmert bereits, als Jens Sohr schließlich in die Hofeinfahrt in Bainet einbiegt. Das geschäftige Treiben auf dem Werkhof hat aufgehört, die Arbeiter sind nach Hause gegangen. In Haiti leben die Menschen mit dem Tageslicht, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, denn längst nicht jeder hat elektrisches Licht zu Hause. Krachend springt der Generator des benachbarten Elektrizitätswerkes an. "Le blanc - der Weiße", wie die Nachbarn Jens Sohr nennen, hat sich schon längst an das aufdringliche Brummen gewöhnt, das ihn jeden Abend begleitet. Genau bis Mitternacht wird die Kleinstadt mit den 12.000 Einwohnern mit Strom versorgt, dann ist schlagartig alles in tiefes Dunkel getaucht – bis um halb sieben morgens der nächste tropische Tag beginnt.

zuletzt aktualisiert: 10.01.2012

> Online spenden: Erdbebenhilfe Haiti

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