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Von Rainer Lang. In der evangelischen Kirche sind die Bewohner des Stadtteils von Curanilahue zusammengekommen, um den Erfolg eines Hilfsprojekts der Caritas in Chile zu feiern. Vor einem Jahr, Ende Februar 2010, erschütterte ein schweres Erdbeben die Region um die Stadt Concepcion. Nicht nur in der Hafenstadt und an der Küste gab es schwere Schäden, sondern auch im Landesinneren. Dazu zählt auch die Stadt Curanilahue. Dort, in einer der am schwersten betroffenen Gebiete, hat die Caritas rund 60 zerstörte Häuser wieder aufgebaut und repariert, unterstützt von der Diakonie Katastrophenhilfe.
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Die Stadt liegt in der Region Bio Bio, einer der ärmsten Gegenden des Landes. Pedro Adrians von der Caritas erklärt: "Hier hat das Erdbeben erhebliche Schäden angerichtet. Doch von der Öffentlichkeit ist das kaum registriert worden." Außerdem zeigt sich in der Region nach Einschätzung der Caritas deutlich, dass die Katastrophe die sozialen Probleme der chilenischen Gesellschaft schonungslos aufgedeckt hat: weit verbreitete versteckte Armut und Ungleichheit. Diese Probleme seien bis zum Erdbeben durch den Wirtschaftsaufschwung im Land verdeckt worden. Der Großteil der Bevölkerung habe von diesem Erfolg jedoch nicht profitiert. Beobachter sprechen dabei auch vom "stillen Erdbeben", das die Gesellschaft erschüttert hat – als Kontrast zu den Ereignissen in Concepcion, die weltweit Aufsehen erregten.
Erzbischof: Ungleichheit ist Skandal
Der frühere Erzbischof von Concepcion, Ricardo Ezzati Andrello, wies vor kurzem darauf hin, dass es in der chilenischen Gesellschaft tieferliegende Probleme gebe als die Schäden an Gebäuden und Straßen, die das Erdbeben anrichtete. Die sozialen Schwierigkeiten seien nicht gelöst, sagte der Erzbischof. Er verwies auf die extreme Ungleichheit der Einkommen, niedrige Löhne, hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde soziale Sicherheit und fehlende Möglichkeiten für Bildung. Er bezeichnete die soziale Spaltung der Gesellschaft Chiles als Skandal und forderte soziale Reformen.
Häuser schwer beschädigt und nicht mehr bewohnbar
Vor diesem Hintergrund entschloss sich die Caritas, nach dem Erdbeben in besonders armen und schwer betroffenen Regionen wie in Curanilahue zu helfen. Dort sind die Menschen erleichtert, dass sie Hilfe erhalten. Jessica Martinez gehört zu ihnen. Sie kann in ein neues Haus einziehen, das die Caritas baute. Sie berichtet, dass beim Erdbeben der hintere Teil ihres alten Hauses weggebrochen ist. Sie erinnert sich: "Glücklicherweise waren wir nicht zu Hause. Wir waren zu Besuch bei Verwandten. Dort sind wir seither auch untergekommen, denn unser Haus war nicht mehr bewohnbar."
Ein guter Grund für den Wiederaufbau
Alle am Rande eines Bachs gelegenen Häuser rutschten weg, erklärt Ingenieur Marcos Cifuentes von der Caritas. Er sagt, dass sich die Gemeindeverwaltung nicht an den Wiederaufbau der Häuser gewagt habe – wegen des schwierigen Untergrunds. Der war nicht fest genug, deshalb brauchten die Häuser ein spezielles Fundament. Marcos sagt: "Das war keine leichte Aufgabe. Wir mussten zuerst den Untergrund untersuchen, bevor die Bautrupps anrücken konnten."
Häuser für verzweifelte Familien
Die Kritik ist nicht zu überhören: Die Gemeinde tat nichts überließ die Betroffenen sich selbst. Die Menschen waren verzweifelt. Denn auf sich selbst gestellt und ohne eigenen Mittel konnten sie nichts ausrichten. Auch in dieser Situation hilft die Caritas den verzweifelten Familien: Mehr als 40 Häuser wurden in dem Projekt mit Unterstützung der Diakonie Katastrophenhilfe repariert; 20 Häuser wurden neu gebaut.
Menschen leiden noch immer
Jessica Martinez kann mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann in eines der Häuser einziehen. Besonders stolz ist sie, dass ihr Haus dafür ausgewählt worden ist, symbolisch für alle anderen vom katholischen und evangelischen Pfarrer im Beisein der Gemeinde feierlich übergeben zu werden. Die 36-Jährige hofft nun, dass wieder Ruhe einkehrt in ihr Leben. Sie ist besorgt, weil ihre 14 Jahre alte Tochter nach dem Beben immer noch an Depressionen leidet. Eine Psychologin der Caritas betreut die Jugendliche. Deutlich wird: Besonders ältere Menschen und Kinder haben Schwierigkeiten, die Ereignisse rund um die Naturkatastrophe zu verarbeiten.
Viele leben in Angst
Einen Tag nach dem Erdbeben begann die Caritas mit ihrer Hilfe. Seither begleitet das Team der Hilfsorganisation die Menschen in der Region. Insgesamt haben bisher mehr als 40 Betroffene psychologische Hilfe angenommen, berichtet die Psychologin Juan Andres Medena. Sie bietet Gruppen für Kinder und Erwachsene an. Maria Theresa Gatica ist eine der Teilnehmerinnen, die regelmäßig zu den Treffen kommen. Die 70-Jährige lebt seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren allein. Sie fühlt sich nicht nur einsam – seit dem Erdbeben leidet sie unter Angstzuständen. Medena berichtet : "Wir haben viele ähnliche Fällen unter älteren Menschen."
In Armut gefangen
Der evangelische Pastor Carlos Contreras verweist darauf, dass Frauen wie Maria Theresa sehr arm seien. Er beklagt die Not der älteren Menschen in dem ohnehin armen Viertel: "Chiles wirtschaftlicher Erfolg erreicht nur zehn Prozent der Bevölkerung. Die Armut sei im Verborgenen und werde durch den Erfolg verdeckt". Der Geistliche prangert die Situation an und sagt, die Regierung kümmere sich nicht um die armen Regionen des Landes. Dort seien die Menschen gegen Risiken nicht abgesichert.
zuletzt aktualisiert: 25.02.2011
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