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Im Südosten Haitis greifen die Hilfsmaßnahmen 

Verteilung ohne Gewalt und Chaos

Der Junge hält einen kleinen Karton hoch. Es ist eine Essensration, wie darauf auf Englisch zu lesen ist. Sie  gehört zu den zahllosen Päckchen, die in den vergangenen Tagen über ländlichen Regionen Haitis niedergegangen sind, um die Überlebenden des schweren Erdbebens vom 12. Januar mit dem Nötigsten zu versorgen. Dass das nicht der richtige Weg ist, darin ist sich Milord Louibert sicher. „Es ist so also ob wir nicht menschliche Wesen, sondern Tiere wären“, sagt er. Der Theologiestudent aus Bainet im Südosten Haitis fügt hinzu: „Es gibt  einen richtigen Weg, und zwar die Hilfsgüter direkt an die Menschen zu verteilen.“ Das macht auch der Partner der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti, CROSE. Die Helfer bringen die Hilfsgüter direkt zu den Menschen.

Vertreter der Diakonie Katastrophenhilfe im Gespräch mit den Organisatoren der Verteilung von Hilfsgütern in Bainet. Foto: Rainer Lang/Diakonie Katastrophenhilfe

Bainet: Hilfsgüter werden auf einen Esel geladen.

Nachts schlafen in Bainet hunderte Menschen im Freien. Foto: Rainer Lang/Diakonie Katastrophenhilfe

Im Lagerhaus von Crose in Jacmel werden die Hilfsgüterlieferungen zusammengestellt von den freiwilligen Helfern. Foto: Rainer Lang/Diakonie Katastrophenhilfe

Das Team verteilt Hilfsgüter im Zentrum von Jacmel, wo auf einem Hügel ein provisorisches Camp mit 800 Personen entstanden ist. Foto: Rainer Lang/Diakonie Katastrophenhilfe

Verteilung in einem provisorischen Camp mit 800 Personen im Zentrum von Jacmel. Foto: Rainer Lang/Diakonie Katastrophenhilfe

Jacmel: An den Verteilpunkten werden die Hilfsgüter übergeben. Foto: Rainer Lang/Diakonie Katastrophenhilfe

Im Zentrum von Bainet hat das Erdbeben seine Spuren hinterlassen. Foto: Rainer Lang/Diakonie Katastrophenhilfe

Täglich sind die Lastwagen mit den Hilfsgütern zurzeit in Jacmel und im ebenso betroffenen Ort Bainet unterwegs. Sie fahren zuvor vereinbarte Punkte an, wo Freiwillige die Hilfsgüter abladen. Die Verteilung der Güter überlassen sie den betroffenen Familien, die sich in lokalen  Basisgruppen mit jeweils etwa 30 Familien oder rund 150 Personen organisiert haben, erklärt Andre-Paul Samedi von der Gruppe „Bois Vital“ inJacmel. Im vom Erdbeben weniger betroffenen, aber etwas abgelegenen Bainet haben die Menschen bisher keine Hilfe bekommen, erklärt Louibert.

Einig ist er sich in der Einschätzung dieser Lebensmittelabwürfe mit Bens Brutus, dem Lehrer und Pastor am Ort. „Als ob es nicht um menschliche Wesen gehe, und wir völlig ohne Respekt behandelt werden“, sagt Brutus. Er hat in Bainet gerade Hilfsgüter der Diakonie Katastrophenhilfe in Empfang genommen, nicht für sich, sondern in Vertretung der anderen Familien in seiner Gruppe. Dass die Nahrungsmittel, Plastikkanister, Decken und Hygienesets nicht für viele reichen, ist deutlich. Aber es sei ein Anfang, betont der Lehrer. 

Der Schock sitzt tief

Er schläft mit 300 anderen Bewohnern des Ortes, deren Häuser zerstört oder beschädigt sind, im Freien auf dem Gelände des kurz vor dem Erdbeben fertig gestellten Marktes. „Wenn wir  ein Zelt hätten, würden wir in der Nähe unseres Hauses schlafen“, sagt der Student. Wer im Erdbebengebiet seine Wohnung nicht verloren hat, schläft trotzdem im Freien – aus Angst vor den Nachbeben. Auch  der Lehrer muss mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Jungen im Freien übernachten. Er ist froh, dass er und seine Familie unverletzt sind.

„Papa, muss ich jetzt sterben?“, habe sein  jüngerer Sohn gefragt, der gerade einmal dreieinhalb Jahre alt ist, bei all dem Geschrei, Chaos und dem Durcheinander. Aber er habe ihn beruhigt und gesagt, er müsse nicht sterben, erzählt er.  Als Lehrer will er jetzt ein Programm für die Schüler anbieten. Denn die Schule sei nicht eingestürzt, die Kinder konnten rechtzeitig flüchten, sagt Brutus. Als Direktor der Grundschule erzählt er: „Genauso wie ich schrien sie alle ‚Jesus rette uns.“ Auf jeden Fall sitze der Schock tief, und es werde lange dauern, bis sich die Menschen davon erholen.

Hilfsmaßnahmen in Absprache mit den Vereinten Nationen

Ähnlich fühlen die Überlebenden in den Gebieten, die vom Erdbeben erschüttert worden sind. Überall sind provisorische Lager entstanden. Eines davon im Zentrum von Bainet, wo jetzt 800 Menschen leben. Auch diese Menschen hat die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützt, genauso wie andere an vielen Stellen im Ort. Sie haben Lebensmittel, Decken, Wasserkanister und Hygienesets erhalten.

Das evangelische Hilfswerk plant auch, 2.000 Zelte zu verteilen zusammen mit Hygienesets, Haushaltsmitteln und Plastikplanen. In Absprache mit den Vereinten Nationen und den lokalen Behörden vor Ort, ist die Entscheidung dafür gefallen. Größere Camps sollten vermieden werden, hieß es.

Programm „Cash for Work“ in Vorbereitung

Mit einem zweiten Hilfsgüterflug kommen jetzt auch 80 Werkzeugsets (= 10 Tonnen) an, die im Rahmen eines „Cash for Work“-Programmes (Geld für Arbeit) eingesetzt werden sollen. Angesichts der weit verbreiteten Armut im Land und den stark gestiegenen Lebensmittelpreisen ist die Sicherung der Ernährung für Familien in der kritischen Situation nach dem Erdbeben nach Ansicht der Diakonie Katastrophenhilfe besonders wichtig. Überall stehen die Männer Schlange auf der Suche nach Arbeit, und wenn es ein Gelegenheitsjob ist, mit dem sie die Familie wieder über Wasser halten können. Positive Erfahrungen mit diesem Programm hatte die Diakonie Katastrophenhilfe schon 2005 nach dem Erdbeben in Pakistan gesammelt.

Keine Gewalt bisher bei den Verteilungen

Bei der Verteilung der Hilfsgüter in Jacmel helfen viele Freiwillige mit. Täglich werden mehrere Lastwagenladungen ausgeliefert. Da die Hilfsgüter an die Basisgruppen gehen, gibt es keine langwierige Verteilung vom Lastwagen herunter. „So kommt es nicht zu Gewalt und Chaos. Außerdem ist wegen der Nähe zu den Betroffenen und ihrer Beteiligung keine Begleitung durch Sicherheitskräfte nötig“, betont Astrid Nissen, die Leiterin des Büros der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti.    

von Rainer Lang

zuletzt aktualisiert: 28.01.2010

> Online spenden: Erdbebenhilfe Haiti

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