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Rahima Khatuns Blick geht ins Leere. Hinter ihr liegt ein Trümmerhaufen aus zerbrochenen Lehmziegeln und Bambusstangen, Wellblech und Hausrat. Die Schwiegermutter und die drei Kinder ziehen Töpfe, einen zerbrochenen Spiegel und ein paar nasse Decken aus dem Haufen. Sie versuchen zu retten, was noch zu gebrauchen ist. „Ich hatte fürchterliche Angst, wollte aber die Hütte nicht verlassen.“ Mit dem Zipfel ihres bunten Saris trocknet Rahima Khatun ihre Tränen. „Doch dann brach das Dach mit einem lauten Krachen über uns zusammen."
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Über Nacht hat die Familie alles verloren, was sie sich über Jahre aufgebaut hat. Für das Baumaterial selbst dieser bescheidenen Hütte muss sie ein ganzes Jahr arbeiten. Doch viel schlimmer ist – Wind und Regen haben die gesamten Vorräte vernichtet. Und der Sturm hat das Meerwasser in den Teich gedrückt, aus dem Rahima Khatun und die anderen Dorfbewohner normalerweise ihr Trinkwasser schöpfen. Nun ist das Wasser versalzen.
Der Wirbelsturm Sidr ist mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Stundenkilometern über den Süden von Bangladesch hinweggefegt. Bis zum vierten Tag der Katastrophe wurden fast 3.000 Tote identifiziert. Die Zahl könnte auf 10.000 ansteigen, befürchten Fachleute. Die Menschen in den extrem tief gelegenen Küstenorten ertranken, weil sie die Flutschutzhäuser nicht rechtzeitig erreichen konnten, von denen es viel zu wenige gibt. Zudem haben sich viele der Opfer zu spät auf den Weg dorthin gemacht. Andere wurden von umstürzenden Bäumen oder niederkrachenden Balken und Pfeilern erschlagen. Über drei Millionen Menschen sind von den Auswirkungen des Wirbelsturms betroffen. Fast 300.000 Huetten wurden zerstört, über 600.000 beschädigt.
Die Menschen im Süden von Bangladesch zählen zu den ärmsten des Landes. Sie sind gezwungen ihre Hütten auf Plätzen zu bauen, die immer wieder von Stürmen und Flutkatastrophen heimgesucht werden. Der durch die Klimaerwärmung ansteigende Meeresspiegel hat ihre Situation in den letzten Jahren deutlich verschärft.
„Die Lage hier vor Ort ist verheerend“, berichtet Peter Rottach von der Diakonie Katastrophenhilfe aus dem Zentrum der Zerstörung. „Die Menschen sind traumatisiert, leiden an Hunger und Durst.“ Erst allmählich offenbart sich den Helfern das wahre Ausmaß der Katastrophe. Die ersten Tage konnten sie viele der entlegenen Siedlungen nicht erreichen. Deiche und Straßen sind eingerissen. Unzählige umgestürzte Bäume blockieren die Wege. Ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die lokalen Partnerorganisationen der Diakonie Katastrophenhilfe verteilen Lebensmittel und Trinkwasser, bringen erste medizinische Versorgung in die Dörfer. So konnten sie bisher schon 10.000 Familien versorgen. „Aber die Nothilfe wird noch Wochen nötig sein“, so Peter Rottach weiter.
Auch die Familie von Rahima Khatun hat Lebensmittel und Trinkwasser erhalten. Sie hat zwei unbeschädigte Bahnen des Blechdaches zu einem Dreieck zusammengestellt und sich so eine erste Notunterkunft gebaut. Doch unter den Folgen der Katastrophe wird die Familie von Rahima Khatun noch lange zu leiden haben.
Klaus Sieg
zuletzt aktualisiert 19.11.2007
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