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Interview 

"Ernten ohne zu säen, schlachten ohne zu mästen"

Seit 1998 liefern sich im Osten des Kongo immer wieder verschiedene bewaffnete Gruppen Gefechte untereinander und mit der nationalen Armee. Auch Rebellengruppen aus den Nachbarländern Ruanda und Uganda sind an den Kämpfen beteiligt. Dabei begehen alle Konfliktparteien schwerste Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung. Nach Schätzungen kamen bislang über 5,4 Millionen Menschen ums Leben. Die Direktorin der Diakonie Katastrophenhilfe, Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel, war im Juni 2010 im Kongo und besuchte dort verschiedene Projektpartner.

Cornelia Füllkrug-Weitzel
Cornelia Füllkrug-Weitzel

Wie haben Sie das Land erlebt?

Zum einen als ein wunderschönes Land – reich an Wasser, reich an Wäldern, reich an natürlichen Ressourcen. Es könnte mit Abstand das am besten entwickelte Land Afrikas sein. Gleichzeitig gibt es nach wie vor ein extrem hohes Gewaltpotenzial und Menschen, die unter Mangelernährung und unter vielfachen Menschenrechtsverletzungen leiden. Es gibt Menschen, deren Dörfer niedergebrannt worden sind und die auf der Flucht sind – also ein großes Gewaltpotenzial.

Gleichzeitig gibt es wiederum ein Schein von Frieden. Schein insofern, weil Präsident Kabila im vergangenen Jahr die Flüchtlingslager hat auflösen lassen, um den Schein zu erzeugen es gebe keine internen Vertriebenen mehr und die Lage sei ruhig. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Es gibt etwa 1,5 Millionen Vertriebene in diesem Landeteil. In jedem Wald lauern Rebellengruppen, lauert das Militär, um den Menschen wieder ihre Ernte wegzunehmen, um sie zu überfallen, die Frauen zu vergewaltigen, um sich ihren „Sold“ zu holen und sich ihren Teil am Reichtum des Landes mit Gewalt zu nehmen.

Wie sieht die Situation der Menschen aus?

Die Menschen sind im Grunde in einer Lage wie seinerzeit Sisyphos – sie arbeiten und arbeiten den ganzen Tag, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und können am Ende des Tages die Ernte nicht einfahren. Wir haben den Satz gehört „Ernten ohne zu säen, schlachten ohne zu mästen“: Das gilt für die Rebellen, das gilt für die Militärs. Sie sitzen in den Wäldern – und Wald ist praktisch überall, denn es ist ein sehr waldreiches Land – und warten darauf, dass die Ernte vor ihren Augen reift. Die Felder liegen meist weit außerhalb der Dörfer am Waldrand, und wenn die Ernte soweit ist, wenn das Vieh soweit gemästet ist, kommen über Nacht die Militärs, kommen über Nacht die Rebellen, und stehlen den Menschen das Produkt ihrer Arbeit, sodass es eigentlich eine sehr verzweifelte Situation ist.

Sie leiden massiv an Hunger. Das ist die eine Seite. Die andere Seite: Wenn die Frauen aufs Feld gehen, dann sind sie aufs Äußerste davon bedroht, vergewaltigt zu werden. Den Frauen werden die Knochen gebrochen, die Gewehrläufe in den Unterleib gerammt. Die Frauen tragen nicht nur seelische Traumata davon, sondern auch körperliche Verletzungen und Behinderungen. Zu allem Überfluss werden viele dann noch von ihren Ehemännern ausgestoßen, weil es immer noch als ihre eigene Schuld gilt. Die Frauen gehen aufs Feld, um die Familie zu ernähren, kommen zurück – und gelten als Schlampen, als Huren, und werden dann mit ihren Kindern oft vor die Tür gesetzt und wissen nicht wohin sie zu gehen haben. Das ist extrem dramatisch. Das habe ich in diesem massenhaften Umfang und auch mit dieser brutalen Gewalttätigkeit bisher noch nicht gehört. Es ist wirklich dramatisch.

Wie kann den Menschen im Kongo geholfen werden?

Die Diakonie Katastrophenhilfe versucht den Flüchtlingen zweifach beizustehen: Einmal dadurch, dass wir ihnen natürlich das zum Überleben Notwendige geben. Aber wir versuchen auch, ihren Gastfamilien beizustehen. Die Flüchtlingslager wurden aufgelöst und die Flüchtlinge sind nun auf die Gnade einer Gastfamilie angewiesen. Sie klopfen an irgendeine Tür – und das Phantastische und Wunderbare ist, dass die Menschen, an deren Tür sie klopfen, sie in der Regel ohne weitere Fragen einfach aufnehmen.

Wir versuchen auch den Gastfamilien, die ja selbst unter der Situation leiden, dass sie ständig ihres Eigentums beraubt werden, beizustehen. Wir stellen ihnen diversifiziertes Saatgut zur Verfügung, damit sie ihre Viehbestände aufbessern können. Außerdem helfen wir ihnen bei der Kleinviehzucht, die sie teilweise direkt an oder auch in ihrem Haus haben. So stellen wir sicher, dass die Menschen mit zusätzlichem Eiweiß versorgt werden und über ein kleines Einkommen verfügen. Wir brauchen dringend Spenden.

Das Interview in der Mediathek

Das Interview gibt es auch als "O-Ton": Die O-Töne stehen in der > Mediathek der Diakonie Katastrophenhilfe zum Anhören und Download bereit.

zuletzt aktualisiert: 06.07.2010

> Online spenden: Kongo

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