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Was sind vergessene Katastrophen?

Manche Katastrophen stehen im Fokus der Öffentlichkeit. Zwar berichten viele Medien mehr über militärische Einsätze als über die humanitären Notlagen, die meisten Menschen wissen aber, dass es humanitären Bedarf in Syrien und Mali gibt, diese Krisen sind in unserem Bewusstsein.

Video: Was sind vergessene Katastrophen?

Länge: 3:08 min min | Datum: 13.06.2013

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Es gibt jedoch auch andere Katastrophen, schlimme und langwierige humanitäre Krisen, in denen die betroffene Bevölkerung keine oder unzureichende internationale Hilfe bekommt und in denen die politischen Anstrengungen zur Lösung der Krise nicht ausreichen – auch weil sich Medien zu wenig dafür interessieren. Für alle Katastrophen gilt: Sie werden erst durch unser Tun oder Unterlassen zu Katastrophen. Hier gilt das in besonderem Maß, meist handelt es sich um lang anhaltende gewaltsame Konflikte, zuweilen auch um immer wiederkehrende Naturkatastrophen. Von diesen „vergessenen Katastrophen“ betroffen sind vor allem arme und marginalisierte Bevölkerungsgruppen, also Menschen, denen es sowieso schon schlecht geht und deren Notlagen zu wenig wahrgenommen werden.

Das Europäische Amt für humanitäre Hilfe (ECHO) identifiziert die am meisten vergessenen Katastrophen durch das jährliche „Forgotten Crisis Assessment“. In diese Analyse werden die Vulnerabilität, die mediale Berichterstattung sowie die existierende Hilfe berücksichtigt und durch eigene Erkenntnisse und Einschätzungen ergänzt. Im Jahr 2013 stehen neun Länder auf dieser Liste: Algerien (Sahauri-Krise), Bangladesch (Chittagong Hill Tracts, Rohingyas), Zentralafrikanische Republik, Kolumbien, Indien, Myanmar (Rohingyas), Pakistan, Sri Lanka, Jemen. Das übergreifende Problem in diesen Krisen sind gewaltsame Konflikte und Menschen, die deshalb fliehen müssen.

Es gibt weitere Katastrophen, die nicht genügend in unserem Bewusstsein sind, zum Beispiel die schon lange anhaltende Krise in der Demokratischen Republik (DR) Kongo. Ein weiteres Anzeichen für vergessene Katastrophen ist, wenn internationale Hilfsaufforderungen nur zu einem geringen Teil erfüllt werden.

Warum gibt es vergessene Katastrophen?

In einer dänischen Untersuchung wurden im Jahr 2002 drei Faktoren analysiert, die den Umfang humanitärer Hilfe beeinflussten: Die Intensität der Berichterstattung in den Medien („CNN-Effekt“), die politisch/ strategischen Interessen der reichen Geber-Staaten sowie die Stärke der jeweiligen humanitären Lobby, das heißt das Engagement der humanitären Organisationen und Netzwerke.

Nach dieser Studie spielen bei den großen Geberstaaten die eigenen Interessen eine besonders wichtige Rolle bei der Vergabe humanitärer Mittel. Andere Geberstaaten, zum Beispiel aus Skandinavien, finanzieren eher bedarfsorientiert. Starke politische Interessen können sich dabei sehr unterschiedlich auswirken: In Tschetschenien zum Beispiel sorgten die russischen Interessen für eine möglichst wenig sichtbare humanitäre Hilfe, in der DR Kongo sorgen Rohstoffinteressen für die dauerhafte Finanzierung eines gewaltsamen Konflikts. Für eine Regierung scheint es meist politisch interessanter zu sein, humanitäre Hilfe in gewichtigen und medial im Mittelpunkt stehenden Krisen zu finanzieren als in einer „vergessenen Katastrophe“. Dabei kann es sich sowohl um die „Flankierung“ anderer Interventionen – auch militärischer – handeln als auch um das Gegenteil: die Finanzierung humanitärer Hilfe um nicht politisch beziehungsweise militärisch zu intervenieren. In beiden Fällen läuft die humanitäre Hilfe Gefahr, für andere Zwecke instrumentalisiert zu werden, also nicht unabhängig und neutral zu bleiben. Eine wichtige Rolle spielen auch die Regierungen der Länder, in denen die Katastrophen geschehen: Hilfe und Berichterstattung hängen sehr davon ab, ob Medien und Hilfsorganisationen schnellen Zugang bekommen, solange das internationale Interesse hoch ist.

Medien spielen auch eine wichtige Rolle.

Nach der Studie beeinflussen nicht die Medien die Politik sondern umgekehrt, Medien übernehmen zu leicht die Agenda und die Botschaften der Regierungen. Medien haben dann einen eigenständigen Effekt, wenn die Geberstaaten wenig interessiert sind. Voraussetzung für eine intensive Berichterstattung in den Massenmedien sind außerdem ein hoher Neuigkeitswert – der leider von vielen nicht mehr gesehen wird, wenn es in afrikanischen Ländern gewaltsame Konflikte gibt – sowie dramatische und emotionale Filme und Fotos. Darüber hinaus gibt es einen Wettbewerb mit anderen Krisen. Flucht und Vertreibung sind ein zentrales Element vergessener Krisen, sobald die betroffenen Menschen nicht mehr unterwegs sind, ist die Story nicht mehr dynamisch sondern statisch und damit medial schwieriger aufzugreifen.
Vor allem, wenn die wirtschafts- und sicherheitspolitische Interessen bei Geberstaaten nicht vorliegen hängt vieles von den Medien ab: Wenn sie sich für intensive Berichterstattung entscheiden, können sie öffentliche Aufmerksamkeit und dadurch mehr Hilfe bewirken. Dazu benötigen Medien Zugang zur Krise für Bilder, authentische Stimmen und so weiter. Es muss „Neuigkeiten“ geben. „Den Menschen im Kongo geht es schlecht“ ist leider nicht neu. Hilfreich sind auch Verbindungen zu uns, zum Beispiel durch Migration. Außerdem spielt es eine Rolle, ob bereits eine oder mehrere andere Katastrophen in den Medien präsent sind, das verringert die Chancen für die Darstellung einer weiteren Katastrophe.

Das internationale humanitäre System sichert ein Mindestmaß an Hilfe in den meisten größeren und mittelgroßen Krisen. Wenn die Hilfsorganisationen stark präsent und gut koordiniert sind, wird den Menschen besser geholfen als in anhaltenden Krisen wie Nordkorea, Westsahara, den Kongos oder Tadschikistan. Dabei ist zu berücksichtigen, dass für humanitäre Organisationen das Einwerben von Spenden für vergessene Krisen schwieriger ist als für medial aktuelle Krisen. Dies gefährdet die Unabhängigkeit von Organisationen und erleichtert eine staatliche Instrumentalisierung. Veränderungen der Faktoren, besonders der staatlichen Interessen, können dazu führen, dass Krisen lange vergessen sind und dann für eine Zeit ins Rampenlicht kommen, z.B. Afghanistan, Darfur oder Somalia.

Was tut die Diakonie Katastrophenhilfe?

Die Diakonie Katastrophenhilfe ist seit vielen Jahren in einigen vergessenen Katastrophen tätig. Mit Hilfe der vielen Partner in den jeweiligen Ländern und mit Spenden kann die Diakonie Katastrophenhilfe unabhängig von politischen Konjunkturen in der DR Kongo aber auch in Kolumbien, Somalia oder Pakistan langfristig wirksame Hilfe leisten.

Die Diakonie Katastrophenhilfe setzt sich mit ihrer Kampagne, in der Kooperation mit anderen Hilfsorganisationen und im politischen Dialog dafür ein, dass vergessene Katastrophen in das öffentliche Bewusstsein rücken. Sie informiert über dieses Problem und will Analysen und Diskussionen anstoßen. Mit anderen Hilfsorganisationen will sie die Hilfe zu vergessenen Katastrophen sowohl in der Öffentlichkeitsarbeit und Spendenwerbung als auch in der Lobbyarbeit und vor allem in der praktischen Arbeit verstärken. Von der Bundesregierung erwartet die Diakonie Katastrophenhilfe, dass sie vergessenen Katastrophen sowohl gegenüber der Öffentlichkeit als auch im Dialog mit anderen politischen Akteuren und im Umfang der finanziellen Mittel mehr Aufmerksamkeit widmet.

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